Der Baßverstärker als Anker: Selvhenter im KuBa Jena




Info
Künstler: Selvhenter

Zeit: 10.11.2023

Ort: Jena, KuBa

Fotograf: Mads Fisker

Internet:
http://www.facebook.com/p/Selvhenter-100053105267920/
http://www.kuba-jena.de

All-Girl-Bands sind mittlerweile eine geläufige Erscheinung – aber in der Besetzung von Selvhenter dürfte es keine andere geben, weder in der alten Quintettformation noch in dem Quartett, das aktuell einige Gigs in Mitteleuropa bestreitet. Selbiges besteht aus einer Saxophonistin, einer Posaunistin und gleich zwei Schlagzeugerinnen, und das einstige fünfte Mitglied spielte Violine. Allein schon die Aufzählung der Instrumente läßt Ungewöhnliches erahnen, und das bestätigt sich dann an diesem Novemberfreitag für leider nur zwei Handvoll Musikgourmets im Jenaer Kulturbahnhof.
Wie das Gebotene stilistisch einzuordnen ist, das zu beschreiben stellt eine immens schwere Aufgabe dar. Zitieren wir erstmal das Offizielle: Selvhenter work within their own idiom, drawing from the individual players’ personalities and interests to make a highly collective music, where all four musicians are absorbed into a total sound where an improvised free jazz approach collides with experimental electronic music and avant-garde noise/post-punk sonorities.“ Alles klar? Nein, natürlich nicht. Schlüsseln wir das zu Hörende also mal einzeln auf. Die beiden Drumkits unterscheiden sich vom Aufbau her in einigen Komponenten, sind aber erstmal nicht grundsätzlich verschieden, und das trifft dann auch auf das Spiel von Anja Jacobsen und Jaleh Negari zu: Mal agieren sie unisono, meist aber mannigfaltig verzahnt, ohne freilich klassische Call-and-response-Strukturen zu inszenieren – und überraschenderweise liegt der Grundbeat, wenn man denn einen ausmachen kann, nicht selten im relativ langsamen Bereich, und die Schlagzahl nimmt nur in bestimmten Dynamikschüben gezielt hohe bis sehr hohe Werte an, jedenfalls in den Hauptrhythmen, die freilich noch von vielfältigen und teils recht intensiven Nebenrhythmen flankiert werden. Auffällig ist hierbei ein in gleich etlichen Songs auftauchender Einsatz von Holzblockfiguren als gliedernde Elemente zwischen einzelnen Phrasen. Als wäre das aber noch nicht genug an Percussion, setzt auch Saxophonistin Sonja LaBianca ihr Instrument gelegentlich perkussiv ein und jagt auch sonst, wenn sie regulär reinbläst, den Sound durch eine Armada von Effektgeräten, wobei sie in bestimmten Momenten aber bewußt davon absieht und das Saxophon dann tatsächlich so klingt, wie man es von diesem Instrument gewohnt ist. Das ist bei Maria Bertel anders: Die spielt ihre Posaune nämlich über einen Baßverstärker, und das, was da rauskommt, hat mit dem Klang einer normalen Posaune überhaupt nichts mehr zu tun, sondern erinnert an das, was einem manche Sludge- oder Funeral-Doom-Band vorsetzt, dort dann aus der Baßgitarre kommend, aber auch übelst verzerrt. Dabei ist das, was Maria spielt, noch nicht mal eine Baßposaune, sondern eine ganz normale Zugposaune ohne weitere Extras – aber den Effekt macht hier dann sowieso der Verstärker aus, der mit dem Resultat dann nicht selten als eine Art Anker im Sound fungiert, was dahingehend paradox anmutet, da der Setopener auch auf den Titel „Anker“ hört. In etwa einem Drittel der Songs legt Maria ihr messingglänzendes Blech allerdings weg und arbeitet an einem kleinen Synthie, der nicht nur einen historischen Baßsound, sondern auch ebenso historische Space-Sounds hervorzubringen in der Lage ist: Es zischt und blubbert, wabert und quietscht mehr oder weniger munter vor sich hin. Dass auch noch eine Reihe von Loopstations bei beiden Blasinstrumenten im Einsatz ist, verwundert nicht.
Das Ergebnis ist dann allerdings immer noch enorm schwierig einzuordnen. Auf manche Passagen wären auch Pink Floyd stolz gewesen, anderes erinnert an eine „Liveversion“ von Kraftwerk, und bei wieder anderem glaubt man, einer gemeinsamen Probe von Black Sabbath und John Zorn zu lauschen, bei der Ozzy Osbourne und Tony Iommi fehlen. Überhaupt entwickeln Selvhenter in den Songs, in denen sie ganz entfernt dem Doom Metal zuwinken, eine besondere Intensität, und das gilt neben dem massiv-bombastischen Setcloser „Village Cut“ vor allem für „Rundhyl“ mit seinem tatsächlich ziemlich konsequent durchgehaltenen schleichenden, aber geradlinigen Rhythmus. Diese beiden Songs stammen wie vier weitere vom aktuellen Album Mesmerize, dem ersten physischen Tonträger der Däninnen seit einem Jahrzehnt – dazu kommen an diesem Abend in Jena eine kurze, aber eher unauffällige Improvisation, mit „Plex“ und „Blossom“ zwei noch gar nicht konservierte Songs, die fürs nächste Album vorgesehen sind, sowie, da das begeisterte Publikum natürlich Zugaben einfordert, noch das sehr alte „Fallemøde“ von der selbstbetitelten 2010er EP, das auch in der Version ohne Violine zu überzeugen weiß, zumal das Klanggewand die Arbeit des Quartetts problemlos nachvollziehen läßt und nur zwischendurch ganz kurz mal einen Tick zu laut wird. Gesang gibt es ebensowenig wie Ansagen, obwohl die Kopenhagenerinnen durchaus nicht daran denken, etwa eine distanzierte Atmosphäre aufzubauen – ganz im Gegenteil. Nur die Länge des Konzertes gestaltet sich unerquicklich: Nach weniger als einer Stunde ist Schluß, und trotz unermüdlicher Zugabeforderungen der Getreuen im Publikum gibt es nach „Fallemøde“ keine weiteren Extras. Gut, das Konzert war auch so ziemlich intensiv und gerade für die Posaunistin auch physisch hochgradig fordernd – aber da sollten sich Selvhenter für künftige Headlinergigs ohne Support was einfallen lassen, wie man auch die Quantität auf ein der Qualität entsprechendes Level hochschraubt, ohne dass eine der Spielerinnen hinterher unters Sauerstoffzelt muß. Ein starker Gig ist’s freilich allemal gewesen, und dass die vorrätigen LPs nicht ausreichen, um alle Wünsche der Anwesenden zufriedenzustellen, spricht diesbezüglich auch Bände.


Setlist:
Anker
Jhaptal
Connoisseur
Improvisation
Plex
L.A.
Rundhyl
Blossom
Village Cut
--
Fallemøde


Roland Ludwig



 << 
Zurück zur Artikelübersicht
 >>