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Artikel

Fredrik Forsberg philosophiert diesseits von Glauben und Erkennen

Info

Gesprächspartner: Fredrik Forsberg

Zeit: Januar 2013

Ort: Berlin - Taufkirchen bei München

Interview: E-Mail

Stil: Philosophen-Rock

Internet:
http://www.fredrik.forsberg.de

Als Norbert von Fransecky sich mit Fredrik Forsbergs CD Welt als Wille und Fiktion beschäftigte waren seine Eindrücke extrem widersprüchlich. Nachdem er die CD mit ihrem einfach gezeichneten Cover in der Hand hielt und die Titelliste mit ihrem eröffnenden „Sex mit einem Alien“ überflogen hatte, erschien alles stimmig und dazu passte auch der erst einmal leicht naiv wirkende Gesang mit seinem leichten Akzent. Das alles klang stark nach einer Deutsch-Rock- oder -Pop-Szene, die sich auch von Traditionen der Neuen Deutschen Welle prägen lässt.
Es gibt auch den einen oder anderen Text, z.B. „Nur Sex ist besser als Sex“, der diesem ersten Eindruck folgt. Aber das Gros der Titel ist wesentlich tief schürfender. Sie stellen auf philosophischem Niveau Grundfragen der menschlichen Existenz zwischen Theodizee-Frage, Erkenntnistheorie, Sinn- und Ursprungs-Frage. Daneben werden auch kritische Fragen an unsere moderne kapitalistische Gesellschaftsordnung gestellt.
Im Interview mit Fredrik Forsberg wollte Norbert daher zuerst einmal wissen, ob der Kontrast zwischen naiv einfacher Verpackung und tiefgründigem Inhalt bewusst so gewählt worden ist.


Fredrik Forsberg: Lieber Herr von Fransecky!
Ihren Eindruck des extremen Widerspruchs kann ich nicht teilen. Obgleich es mir klar sein müsste, dass das Album in seiner Ganzheit aufgrund seiner Entwicklung so empfunden werden könnte. Lassen Sie mich die Genese des Albums kurz erklären:
Als ich 2007 mit der Produktion anfing, war es meine Absicht, lediglich einen Song aufzunehmen im Sound der Early Beatles in Verbindung mit deutschen Texten. Es war der Versuch, die Naivität der frühen 60er Jahre im Kontext des aktuellen Zeit- und Soundgefühls einzufangen. An eine Albumproduktion dachte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Das erste Lied, das ich mit Gretsch-Gitarre und Höfner-Bass aufnahm, war „Halt mich fest". Es folgten weitere Lieder auf Deutsch. Und je mehr Lieder entstanden, desto mehr steuerte ich eine andere, eigenständigere Richtung an; und meine Lust, weiter zu produzieren, steigerte sich, je mehr philosophische Themen ich aufgriff und feststellte, dass eingängige Melodien mit fordernden Texten durchaus funktionieren.
Als Anfang 2008 mein Sohn auf die Welt kam, wechselte ich vorübergehend von der Gitarre zum Baby-Fläschchen und verbrachte meine Zeit nicht im Beatheaven-Homestudio, sondern im Kinderzimmer. Erst Ende 2011 konnte ich wieder allmählich die Produktion aufnehmen, diesmal mit dem erklärten Ziel, ein komplettes Album aufzunehmen, denn mittlerweile hatte ich den Titelsong „Welt als Wille & Fiktion" komponiert.


Abgesehen von der naiven Anfangs-Testphase „Halt mich fest" finde ich, dass das Album lyrisch einen roten Faden verfolgt. „Sex mit einem Alien" könnte als ein Versuch angesehen werden, die Regeln des Sloterdijkschen Menschenparks aufzusprengen, (logisch, warum habe ich dabei nicht sofort an Sloterdijk gedacht; Red.) indem es die Möglichkeit der Promiskuität mit extraterrestrischen Wesen aufzeigt, das Ideal der Schönheit transzendiert und eine Welt ohne Gott und Geld fordert. Und das alles in Form eines kleinen Nähkästchensongs, der formal verwandt ist mit „Dr. Robert" von den Beatles!

„Nur Sex ist besser als Sex" funktioniert meines Erachtens sprachlich, weil sich das reine logische Verhältnis der Tautologie (es selbst durch es selbst sein) auf eine an sich unreine Sache, nämlich den Sex, bezieht. Etwas ist durch es selbst und zugleich durch ein anderes. Tertium datur! Ein packender Gedanke! Dadurch entsteht eine für mich eigenartige Reibung, die den Text in die Nähe der Schopenhauerschen Willens-Metaphysik treibt. Ja, der Unterleib der Welt ist sehr komplex! (4. Buch der Welt als Wille und Vorstellung)

Aber es ist mir klar, dass jeder sprachliche Erklärungsversuch den unmittelbaren Höreindruck nicht aufheben kann. Musik, die erklärt werden muss, hat ihre Wirkung verfehlt. Das gilt auch für die Texte.

Das puristisch gestaltete Cover ist einem Bild Roy Lichtensteins entlehnt, das betitelt ist mit „I can see the whole Room! And there's nobody in it!" . Diese Aussage, die starke Assoziationsmöglichkeiten bietet, habe ich ersetzt durch Welt als Wille & Fiktion. Die Album-Maxime will aussagen, dass die Welt, in die wir hineingeworfen sind, einen grundlegend fiktiven Charakter aufweist, den selbst die größten Geisteskapazitäten nicht aufheben können, sondern eher fiktional speisen durch die geistigen Anstrengungen, den Schleier der Maja zu lüften.
Insofern passt Ihre Kennzeichnung des Naiven ganz gut zu meiner WWF, wenn Naivität genau das ist, was uns allen in Hinsicht auf Welterkenntnis beschieden ist: Ausdruck einer kindlichen Ahnungslosigkeit von tieferen und tiefsten Zusammenhängen.

Welt als Ganzes lässt sich nicht erfassen und nicht erklären. Dies ist der Grundtenor meiner Lieder. Auch Gott lässt sich nicht fassen, weder im Glauben noch im Denken. Was uns die religiösen Institutionen anbieten, ist nicht Gott, sondern nur eine anthropozentrische und anthropomorphistische Vorstellung desselben. Warum sollte Gott Mensch geworden sein? Eine freche Behauptung, die nur das Ziel hat, transvertikalen Trost zu spenden, Macht auszuüben und das Unbegreifliche in Form einer Fiktion fassbarer zu machen.

MAS: Bevor ich `Die Welt als Wille und Fiktion in den Händen hielt, war mir der Name Fredrik Forsberg völlig unbekannt. Die musikalische Vielfalt der CD lässt aber bereits erahnen, dass Sie kein völliges Greenhorn sind. Und richtig, auf der Homepage ihrer Plattenfirma entdeckte ich eine reiche musikalische Vorgeschichte mit mehreren Bands. Würden Sie sie bitte kurz schildern.

Fredrik Forsberg: 1990 betrat ich mit meiner ersten Band The Major den Popzirkus. Die erste Single „Bene valete" war auf Latein und bescherte viel Presserummel, aber wenig Verkäufe. Es folgten drei Alben und einige Tourneen durch Deutschland. Als Sideproject hatte ich noch die Band NonArtArt, mit der ich zwei CDs aufnahm. 1994 lösten sich beide Bands auf, und ich zog mich erst einmal zurück aus dem Popwrestling-Ring.

1995 gründete ich dann Beathotel aus purer Freude an Gitarrenmusik: Dreistimmiger Harmoniegesang und Jingle-Jangle-Sound der Rickenbacker-Gitarren, das war's, nach dem mich gelüstete. 1997 veröffentlichten wir mit Many Ways unsere erste CD bei edel. Es erschienen drei weitere CDs in Eigenveröffentlichung, darunter auch die Sitar-EP After the End. Sitartracks daraus fanden Zugang zu den beiden Männerherzen-Kino-Filmen von Verhoeven. Ich schätze Beathotel sehr. Dies ist auch der Grund, warum es die Band nunmehr seit 17 Jahren gibt. Maria Götz ist unsere Managerin und betreibt den harten Job des Bookings. Sie ist ein Glücksfall. Trotz meiner Solo-Karriere bleibe ich ein Beathotelier!

MAS: Welches sind die wichtigsten musikalischen Einflüsse, die sie aus dieser „Vorgeschichte“ mitgenommen haben?

Fredrik Forsberg: Der Gitarrensound steht im Vordergrund. Mit Beathotel spiele ich neben den Eigenkompositionen viele Rock'n'Rolls, Beatles und Byrds. Der 60s-Sound hat es mir besonders angetan. Wir sind Old School, komplett retro! Solo komponiere und singe ich nun zum ersten Mal auf Deutsch. Und dabei fühle ich mich sehr wohl. Ich finde es seltsam, wenn deutsche Kapellen auf Englisch singen und bei Gigs zwischen den Liedern die Sprache wechseln und deutsche Ansagen machen. Noch komischer wäre es allerdings, wenn die Ansprachen auf Englisch kämen …

MAS: Gibt es noch andere wichtige musikalische Impulse außerhalb dieser Bands, die `Die Welt als Wille und Fiktion´ mitgeprägt haben?

Fredrik Forsberg: Es gibt so unglaublich viele tolle Bands, die ich auf Youtube oder im Radio auf egoFM oder FM4 täglich entdecke. Meistens ist es eine Phrase oder ein bestimmter Klang, der mich anregt, in einer bestimmten Kategorie zu denken oder zu texten. Auch bekanntere Bands wie Tame Impala, The Redwalls, Limousines, Dr. Dog, Beady Eye höre ich mir gerne an. Gute Bands liefern klangliche Inspirationen. Es passiert leider selten, dass ich eine deutsche Band höre, die mich textlich mitreißt. Und wenn es passiert, weiß ich trotz der oft genutzten Shazam-App meistens nicht, wie die Band heißt. Vermutlich höre ich zur falschen Stunde die falschen Sender. Und das richtige kreative Leben tobt anderswo …

MAS: Die Frage nach Gott und Religion ist ein durchgehendes Thema auf `Welt als Wille & Fiktion´. Dabei stehen sie einer religiösen Deutung der Welt gleichermaßen mit Skepsis wie Sympathie gegenüber. Sehe ich das so richtig?

Fredrik Forsberg: Ja, was die Skepsis anbelangt, sehen Sie das richtig. Religionen bieten ein Fangnetz für Menschen, die ohne metaphysischen Halt an der Kälte und unendlichen Weite der Welt zerbrechen würden. Religionen bieten Sinnkonzepte, die schwerlich von immanenten Wertesystemen ersetzt werden können. Ich teile die dialektische Ansicht Ernst Blochs, dass die bestehende hierarchische Gottesvorstellung aufgehoben werden sollte, aber dass der atheistische Ansatz, Gott zu negieren, eine Lücke hinterlässt, die nicht geschlossen werden kann und großen Schaden anrichten würde.

MAS: Sie haben Theologie und Philosophie studiert. Gelegentlich werden diese beiden Fächer als Gegensätze betrachtet - das eine für Gläubige; das andere für Skeptiker und überzeugte Atheisten. Das ist zwar falsch, aber dennoch bleibt die Frage: Mit welchem Ziel haben Sie diese Studien begonnen?

Fredrik Forsberg: Ich studierte an der LMU München und benötigte zu meinem Erstaunen für die Studienwahl eine Sondergenehmigung. Für mich stehen die beiden Disziplinen in engem Zusammenhang, da sich sowohl Theologie als auch die Philosophie mit den Proto-Fragen auseinander setzt. Und beiden Disziplinen ist gemeinsam, dass sie Kränkungen hinnehmen mussten. Der deus absconditus zeigt sich nicht und bleibt verborgen. Und in der Lichtung des Seins, dem Ort der Wahrheit, kommt der Mensch der Unverborgenheit nicht näher. Theologie tröstet nicht mehr, und Philosophie lichtet nicht mehr. Beide Disziplinen ringen im Defensivbereich und bieten dennoch oftmals verblüffend gute Erklärungsmodelle, wie z. B. Heiner Mühlmanns MSC.
Ich habe diese beiden Fächer gewählt, weil es für mich keinen anderen Ansatz gab und gibt, den Bewusstseinshorizont von Welt zu sichten.

MAS: Ziele können sich auf dem Weg ändern. Mit welchen Abschlüssen haben Sie die Studien beendet?

Fredrik Forsberg: Mit dem M.A. in beiden Fächern. Bei dem Heidegger-Schüler Rudolph Berlinger hätte ich promovieren können mit einer anvisierten musikphilosophischen Arbeit über Thrasybulos Georgiades. Bedingung: ich hätte nach Würzburg ziehen müssen, und das konnte ich nicht.

MAS: Wie webt sich die Karriere des Musikers in diesen Bildungsgang hinein?

Fredrik Forsberg: Musik ist Lebenselixier und nicht umsonst ein gewichtiges Thema in der Philosophie Schopenhauers, Hegels und Blochs. Sowohl im Musizieren als auch in der philosophischen Reflexion hebt sich der Raum auf und die Zeit gerinnt vorübergehend zum nunc stans. Denken ist ein Transzendieren zu einem anderen Ort, eigentlich zu einem Nicht-Ort, weil Denken ein universeller Entsinnlichungsprozess ist. Und Musik ist ebenfalls ein Grenzgang zwischen Aufgelöst sein im Tönen und Erklingen und der Ekstase. Darauf arbeitet Musik insgeheim hin, dass sie Menschen mitreißt und verzaubert. Musik ist in ihrer Unmittelbarkeit vermutlich höher einzuordnen als Philosophie mit ihrer Begrifflichkeit. In beiden Gefilden fühle ich mich zuhause, auf keines der beiden möchte ich verzichten. Sie gehören für mich zusammen, sind eng ineinander gewebt.

MAS: Die auf Vernunft gegründete Philosophie bezeichnen Sie im Titelsong Ihrer CD als „stumpfes Schwert“. Was meinen Sie damit?

Fredrik Forsberg: Ein stumpfes Schwert hat man erst nach vielen geführten Kämpfen. Irgendwann ist die Klinge stumpf geschlagen. Damit ist es schwierig, erfolgreich weiterhin Schlachten zu bestehen.
Ich finde die Metapher des stumpfen Schwertes recht passend für das Unvermögen des Menschen, sich selbst und die Welt zu erkennen. Er mag noch so tief bohren und die Klinge schartig schlagen, der Mensch kommt niemals auf den Grund. So wie Heidegger, der sich 60 Jahre abmühte, der Frage nach dem Seyn nachzugehen, ohne eine passende Antwort hinterlassen zu haben, dafür aber andere wertvolle, wichtige Einsichten lieferte. Das Bild steht für Aussichtslosigkeit und starken Kämpferwillen, der belohnt wird mit kleinen Erfolgen. Das Bild steht auch für fiktive Welterkennungsmodelle und dem großen Willen, diese kontinuierlich verfeinern zu wollen.

MAS: Sie üben stellenweise recht pfiffige Kirchenkritik, stehen aber weit über platten Verunglimpfungen, die in Musiktexten nicht selten sind. Im Gegenteil. Sie brechen einen Stab für eine im guten Sinn fromme Lebensführung. Sie sehnen sich regelrecht danach, Christ zu sein, erklären aber, dass für Sie das Konzept eines Gottes letztlich nicht nachvollziehbar ist. Haben Sie ein bestimmtes Verhältnis zur Kirche?


Fredrik Forsberg:Auch wenn wir keinen Gott haben, müssen wir so tun, als ob es einen gäbe. Nicht erst seit Auschwitz muss es klar sein, dass, wenn es einen Gott gäbe, dieser Gott nicht in dieser Welt ist und falls doch, dass er dem menschlichen Treiben und dem Schicksal des Einzelnen völlig indifferent gegenüber steht. Die Menschheit ist auf sich allein gestellt. Auch ohne Gott oder gerade deswegen benötigen wir einen moralischen Kanon, der die friedliche Koexistenz der Völker und der Einzelnen garantiert. Es gibt in allen Religionen Grundregeln für das menschliche Miteinander. Diese müssen bestehen bleiben, mit oder ohne Gott. Ohne diese Regeln wäre die Welt ein (noch größeres) Tollhaus.
Wenn Sie so wollen, wäre ich gerne ein verweltlichter Christ - ohne Imitatio Christi und ohne Glauben an eine Auferstehung im Fleische. Aber das ist ein Widerspruch in sich. Einen Christ ohne Glauben gibt es nicht, und ein Mensch, der zwar glaubt, aber nichts Gutes tut, ist ebenfalls kein Christ. Zum Glück sind Gutes tun und gut sein keine christlichen Privilegien. Altruistische Gebote sind der Kern aller Religionen. Diesen Kern gilt es herauszuarbeiten und nach ihm zu leben.

Zur Kirche habe ich kein Verhältnis mehr. Es ist eine bemerkenswerte Leistung, ein internationales Unternehmen an die 2000 Jahre erfolgreich zu leiten. Dies zeugt von einem sicheren Instinkt und einem unGLAUBlichen Willen zur Macht. Aber allmählich löst sich der Mythen bildende Enkulturierungsprozess auf, was bedeutet, dass die tradierten christlichen Rituale langsam an Kraft und Sinn verlieren, besonders in den Metropolen. Wenn die christlichen Kirchen es nicht schaffen, diesen rückläufigen Prozess zu stoppen, werden sich die Institutionen auflösen und neuen, größeren Ideen Platz machen. Der jetzige Papst hat in einem Interview-Buch Salz der Erde frei ausgesprochen, dass die katholische Kirche in der jetzigen Form zukünftig nicht überleben wird.

MAS: Es gehört im Musikbusiness fast schon zum guten Ton, Glauben mit Dummheit oder geistiger Versklavung gleich zu setzen, die Kirche als eine düstere Macht der Unterdrückung zu charakterisieren, Religiosität als geistesgeschichtliche Zurückgebliebenheit zu interpretieren und das Christentum als Ursache fast aller Übel der Welt an den Pranger zu stellen.
Wie stehen sie dazu?


Fredrik Forsberg: Glaube ist ein Grundbedürfnis des Menschen! Die Klügsten und die Dümmsten glauben, und im Glauben sind alle gleich. Die kantische Aufforderung, dass Aufklärung den Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit herausbringe, spricht den Menschen in seiner Gesamtheit an, sowohl denkend als auch glaubend. Das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, wurde zwar nicht entscheidend aufgehoben, denn es gibt immer wieder andere fragwürdige Mächte, von denen viele Menschen gelenkt werden. Der Kirche bleibt jedoch schon lange kaum noch Spielraum für entscheidende Einflussnahme. In früheren Jahrhunderten hat die Kirche im Namen Gottes die schlimmsten Verbrechen begangen und im selben Namen Gottes unglaublich viel Gutes geleistet. Doch man darf nicht vergessen: Wie viele Einzelne halfen und helfen selbstlos anderen Menschen in Not.

Einseitige Verurteilung halte ich für verfehlt. Dass dies passiert, liegt zum Teil an der eindimensionalen Struktur von Popliedern. Oft wird ungewollt einseitig und zu harsch Kritik geübt. Zum anderen Teil ist es beim Verfassen der Lyrik schwierig, die Gefühle zu bremsen und eine klare Sicht zu wahren. Ich halte es für eine große Kunst, die formale Enge lyrisch zu überbrücken und eine gedankliche Breite zu entwickeln.

MAS: Bekommen Sie Reaktionen auf Ihre Texte?

Fredrik Forsberg: Nur spärlich. Es gibt zwei Arten von Reaktion von Käufern auf mein Album: entweder Schweigen und Unverständnis oder aber Begeisterung und mitunter Dankbarkeit. Ersteres ist häufig, letzteres eher selten.
Ebenso ist das Presseecho zwiespältig: Entweder lautet das Fazit: zu große Themen und sprachlich zu ungelenk, oder aber WWF reißt mit. Es ist insgesamt ein Entweder-Oder. Ein Dazwischen gibt es fast nicht.

MAS: Ihr Album ist mittlerweile über ein halbes Jahr alt. Was liegt bei Ihnen momentan an - ein neues Album, Touren, Arbeit mit einer der Bands der Vergangenheit?

Fredrik Forsberg: Für mein Nachfolge-Album Chaos, Chuzpe & Chimären habe ich bereits acht Lieder fertig komponiert und produziert. Ob, wie und wann ich es veröffentliche, weiß ich noch nicht genau.
Derzeit arbeite ich gerade an einem Akustikalbum für Beathotel und befinde mich in der Misch-Phase. Im April oder Mai wollen wir das Album auf den Markt bringen. Danach werde ich Franziska Ruprecht, eine interessante Münchner Künstlerin produzieren, die auf dem Beathotel-Akustik-Album „Hare Krishna" eingesungen hat.
Und was dann folgt, hängt davon ab, welche Resonanz die Welt als Wille & Fiktion noch erfährt …

MAS: Vielen Dank für das Interview!

Norbert von Fransecky


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