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Reviews

Lully, J.-B. (Niquet, H.)

Persée (Version 1770)


Info

Musikrichtung: Barockoper

VÖ: 03.03.2017

(Alpha / 2 CD / DDD / 2016 / Best. Nr. Alpha 967)

Gesamtspielzeit: 108:21

SPEKTAKULÖSE HOCHZEITS-OPER

Was für ein Spektakel! Für die Hochzeit des Dauphin Louis-Auguste (des zukünftigen König Ludwig XVI. von Frankreich) mit Maria Antonia von Österreich im Jahre 1770 wurde Jean-Baptiste Lullys Musiktragödie Persée aus dem Jahr 1682 im neuen Hoftheater von Versailles aufgeführt.

Gleich drei namhafte Komponisten, Antoine Dauvergne, Bernard de Bury und François Rebel sowie der Librettist Nicolas-René Joliveau wurden damit beauftragt, dem in die Jahre gekommenen, gleichwohl immer noch beliebten Klassiker eine dem Anlass angemessene Rundumerneuerung angedeihen zu angedeihen zu lassen.
Man legte sich bei der Überarbeitung keinerlei Zwänge auf: Großzügig wurde gestrichen, umdisponiert und neugetextet. Aus fünf Akten wurden vier, der Prolog entfiel komplett. Die zahlreichen Nebenfiguren wurden knapper gefasst, um das zentrale Liebespaar Perseus und Andromeda noch besser zur Geltung zu bringen. Knapp die Hälfte der ursprünglichen Musik stammte schließlich noch von Lully, der Rest wurde von den Bearbeitern ersetzt oder ergänzt, um die Abenteuer des Perseus in Klangkulissen zu inszenieren, die der Szenerie und den geforderten Effekten entsprachen: dramatischer, virtuoser, erhabener sollte es klingen. Mehr Arie und Chor, dafür weniger Rezitativ. Pauken und Trompeten, wo möglich. Modische Tänze. Und obwohl das Ganze klanglich sehr dem französischen Geschmack huldigte, verzichtete man nicht auf einige italianisierende Zutaten, eine Reverenz vor der österreichischen Braut.

Auch sonst scheute man weder Kosten noch Mühen, um die Vereinigung von Habsburgern und Bourbonen gebührend zu feiern und Maria Antonia zugleich die kulturelle Größe ihrer neuen Heimat vor Augen und Ohren zu führen.
Riesenhaft war die Besetzung mit Solisten, Chören und Tänzern und Statisten. Letztere traten im Schichtbetrieb auf, damit die nötige Zeit für Kostümwechsel blieb. Insgesamt wirkten fast 400 Personen allein auf der Bühne mit. Monumental auch die 80köpfige Orchesterbesetzung, die im neuen Orchestergraben Platz fand und nun auch mit Klarinetten und Hörnern aufwartete. Übertroffen wurde dies schließlich noch durch die Zahl der Kostüme (527, davon 451 gänzlich neu) und der fünf kompletten Dekorationen, zu denen neben der jeweiligen Szene noch viele Spezialkonstruktionen für Monster, Flugmaschinen und Spezialeffekte gehörten. Immerhin bestand Perseus in den knapp zwei Stunden dieses Mega-Spektakels mehrere große Abenteuer und kämpfte gegen die Zyklopen, die Gorgonen (inklusive der berüchtigten schlangenhaarigen Medusa) und ein riesiges Seeungeheuer, um am Ende seine Geliebte glücklikch in die Arme zu schließen.
Die Überwältigungsstrategie spätbarocker Bühnenkünste präsentierte sich hier, gleichsam als Auftakt für das Finale des Ancien regime, noch einmal von ihrer sinnlichsten und eindruckvollsten Seite: Dieser Persée ist eine Vorahnung unserer heutigen Hollywood-Blockbuster und pompösen Musical-Produktionen.

Von dem Ereignis vermitteln die Ensembles von Le Concert Spirituel unter der Leitung von Hervé Niquet zumindest die musikalische Seite, wenngleich in einer um die Hälfte reduzierten Orchesterbesetzung. Ihre Aufführung am Originalschauplatz, dem Versailler Hoftheater, wurde 2016 aufgenommen und erscheint jetzt auf zwei CDs mit luxuriöser Buch-Ausstattung. Reich bebildert mit Partiturausschnitten, Kostümentwürfen und Bildern des Hoftheaters, dazu mit kundigen Kommentaren und zweisprachigem Libretto versehen, taucht man schon beim Lesen in die prunkvollen französischen Opernwelten des späten 18. Jahrhunderts ein.
Die Lully-Bearbeitung selbst ist, vor allem in dem von François Rebel verantworteten Gorgonen-Akt, formal oft interessant und zumindest handwerklich gediegen und unterhaltsam, dabei im Ganzen eher konservativ. Die Bearbeiter haben die üblichen Versatzstücke musikalischer Rhetorik und Klangmalerei geschickt in den originalen Rahmen eingebaut. Das Ganze hat große Gesten und Tempo, es fehlt allerdings trotz der aufgebotenen Mittel an besonders einprägsamen Momenten. Insbesondere die Akte 1 und 4, die Antoine Dauvergne gestaltet hat, bestimmt in den instrumentalen Teilen eine etwas flächige, motorisch einförmige Musik, wie sie typisch für diesen Komponisten ist. Schnelle Skalenbewegungen, Repetitonen und Akzente allein erzeugen eben noch keine musikalische Spannung. Da hätte man sich eine stärkere Beteiligung von François Rebel gewünscht, der mehr Sinn für Farbe und Details hat. Auch harmonisch wagte man nicht allzu viel, gewiss auch in Anpassung an Lullys eher diatonische Schreibweise und um das Publikum nicht zu überfordern.

Unterstützt von der guten Akustik und Aufnahmetechnik nimmt sich Le Concert Spirituel der Partitur mit Verve an, die in ihrer technischen Brillanz freilich manchmal auch etwas routiniert wirkt. Da rauschen die Stürme und Meereswogen pauschaler als nötig am Ohr des Hörers vorbei. Niquet hat mit seinem Ensemble übrigens vor einigen Jahren eine DVD-Produktion des Lully-Originals vorgelegt; die pure akustische Version hat Christophe Rousset mit Les Talens lyrique eingespielt. In beiden Fällen überzeugt die im Vergleich schlichtere, aber eben auch subtilere Originalfassung musikalisch mehr als die Überarbeitung.
Das junge Solistenteam ist den Anforderungen durchweg gewachsen, die Stimmen sind frisch und beweglich. Leider ist gerade die Hauptrolle mit Mathias Vidal nicht ganz optimal besetzt: Bei virtuosen Stellen neigt die Stimme zu unschönen Verfärbungen.

Spannend ist die Produktion vor allem deshalb, weil man hier hören kann, worauf Christoph Willibald Gluck, der ehemalige Gesangslehrer von Marie Antoinette, aufbauen konnte, als er ab Mitte der 1770er Jahre in Frankreich mit eigenen Opern für Aufsehen sorgte: Lullys Armide komponierte er dazu gleich komplett neu, seine beiden Iphigenien setzen an die Stelle kleinteiliger Tableaus große Blöcke einer zwar vereinfachten, aber dafür eindringlichen, im besten Sinne pathetischen musikalischen Architektur.



Georg Henkel

Besetzung

Mathias Vidal: Persée
Hélène Guilmette: Andromède
Katherine Watson: Mérope
Cyrille Dubois: Phinée
Jean Teitgen: Céphée, Divinité infernale
u. a.

Choeur et Orchestre Le Concert Spirituel

Hervé Niquet: Leitung

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger