Musik an sich


Editorial

87 + 87 macht 174. Eine klare mathematische Aussage. Was sie in diesem Editorial zu suchen hat, verrate ich am Ende.

Auf jeden Fall ist sie verlässlich und in keinster Weiser relativ. Dass sonst im Leben vieles relativ ist, reflektiert Wolfgang Niedecken im Opener seines neuen Albums Lebenslänglich, auf dem nur relativ berechtigt der Schriftzug BAP prangt.

Endgültig und gar nicht relativ ist auch der Tod – und der sucht die Rockwelt im Moment im Akkord heim. „Ace of Spades“, „Heroes“, „White Rabbit", „All the young Dudes“, „Hotel California” und „Tarot Woman“ - allesamt Klassiker, an denen Musiker beteiligt waren, die in den letzten Wochen verstorben sind. Ganz fix hatten wir es am Ende des Jahres noch geschafft, den Tod von Lemmy am 28.12. für die Januar-Ausgabe zu berücksichtigen. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Drei Nachrufe auf David Bowie (10.1.), Dale Griffin (Mott the Hoople; 17.1.) und Jimmy Bain (Rainbow, Dio; 24.1.) findet Ihr in dieser Ausgabe. Auch Glenn Frey von den Eagles (18.1.) und Paul Kantner (28.1.) von Jefferson Airplane hätten einen Nachruf verdient. Da fehlte uns dann aber die Manpower.

Ganz so überraschend ist diese Häufung von Todesfällen nicht, sondern wohl eher etwas, an das wir uns gewöhnen müssen. Viele der Gründungsväter (Mütter gab es damals eher weniger.) in den 60ern waren ja nicht 50 oder 60 und auch nicht 12 oder 16 Jahre alt, sondern sie waren damals meist in ihren 20ern, was ihre Geburtstage mit mathematischer Präzision in die 40er verlegt. (Alle sechs oben genannten Musiker sind zwischen 1941 und 48 geboren worden.) Und wer in den 40ern geboren wurde, ist heute zwischen 65 und 75 Jahren – ein Alter, in dem man mit dem Tod rechnen muss, auch wenn man sich nicht dem Alkohol- und Drogenmissbrauch hingibt, oder sein Leben sonst wie auf die harte Art lebt.

Möglicherweise wird das eine Entwicklung verstärken, die man in den letzten Jahren schon beobachten konnte – die Entwicklung der Rockmusik zur „klassischen“ Musik. Wenn Mozart, Bach oder Händel zu Gehör gebracht werden, stehen die Drei selbstverständlich nicht selber auf der Bühne. Bands wie The Works (Queen), Echoes (Pink Floyd) und The Musical Box (Genesis) haben ähnliches schon auf die Rockmusik übertragen, und versuchen die Klassiker möglichst werkgetreu und nicht in eigener Interpretation darzubieten. Und wenn wir die großen Musiken der 70er Jahre auch im Jahre 2030 noch hören wollen, werden wir solche Bands brauchen. Eine nicht „typenreine“ Vertreterin ist die Hagener Band Green, deren Debüt in dieser Ausgabe besprochen wird.

Derzeit noch recht tourfreudige Bands, wie die Stones, die Scorpions, Staus Quo, Uriah Heep und und und wird es bald nicht mehr geben. Und Schritt für Schritt wird das auch auf die nächste Generation mit Iron Maiden, Judas Priest, Saxon und folgende Generationen zutreffen. Es wird spannend sein zu beobachten, ob es überhaupt Bands geben wird, die nach Ausstieg aller Gründungsmitglieder ihren Namen glaubwürdig weiter führen können. Wie beendet Wolfgang Niedecken die "warmen Worte" im Booklet seines aktuellen Albums im Blick auf das 40ste Bandjubiläum: „...zumal keiner garantieren kann, ob wir noch mal ein Jahrzehnt durchhalten. Ich wäre dann fünfundsiebzig ... aber wer weiß?!!".

Damit wäre der Bogen zum Anfang geschlagen und ich bin beim Sinn der einleitenden Mathematik angelangt. Mit dem Erscheinen dieser 175sten Ausgabe von musikansich.de liegen 174, und damit 2 x 87 Ausgaben hinter uns. Für mich persönlich eine gewisse Zäsur, denn 87 dieser Ausgaben habe ich verantwortlich betreut als Chefredakteur, Herausgeber, Chef vom Dienst – oder wie auch immer man das nennen will; die 87 davor lagen noch in der Hand unseres Gründers Hendrik Stahl. Damit bin ich nun der langjährigste „Herausgeber“ der MAS – was bei zwei Herausgebern ja keine so bemerkenswerte Leistung ist, aber ein Anlass mal kurz zurück zu schauen.

In den vergangenen knapp 15 Jahren haben insgesamt 118 Autoren für die MAS geschrieben. In den besten Zeiten haben an jeder Ausgabe 13 bis 18 Autoren mitgeschrieben; derzeit sind es zwischen 8 und 12. Allerdings ist der derzeitige Stamm seit Jahren recht stabil und konstant. Neues Blut können wir dennoch gut gebrauchen. Wer Lust hat, meldet sich z.B. bei mir. Ganz besonders willkommen sind Autorinnen, die Musikgenres lieben, die bei uns derzeit eher stiefmütterlich oder gar nicht berücksichtigt werden.

Und damit habe ich zum Ende dieses „Abschieds“-Editorials den Bogen doch wieder gut in die Zukunft gelenkt, aber das kann man vom Pastor ja auch erwarten.

Der Herr, die Macht, oder woran Ihr glaubt, sei mit Euch und behüte Euch! Seid gesegnet!

Norbert von Fransecky