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Artikel

Papa erzählt vom Rock'n'Roll: Die Vince Neil-Biografie

Info

Autoren: Vince Neil & Mike Sager

Titel: Tattoos & Tequila - Mein Weg zur Hölle und zurück mit Mötley Crüe

Verlag: Hannibal Verlag / KOCH International GmbH

ISBN: 978-3-85445-335-2

Preis: € 19,90

368 Seiten

Internet:
http://www.hannibal-verlag.de
http://www.vinceneil.net

Bücher aus dem Umfeld der ultimativen Partyband Mötley Crüe, die das Gockeln in den 80ern zur Kunstform erhoben, gibt es schon einige. Mit Freude denkt man an The Dirt zurück, bei dem man sich nicht sicher sein konnte, ob es sich hier wirklich um eine Bandbiografie oder doch nur um Realtsatire handelt. Im Anschluss meldeten sich Schlagzeuger Tommy Lee und Bassist und Sprachrohr Nikki Sixx zu Wort. Dass Sänger Vince Neil, der im Februar bereits 50 Jahre alt wurde, da nicht ewig schweigen will, war irgendwie abzusehen. Nun tritt auch er mit seiner Sicht auf rund 30 Jahre Sex (viel), Drugs (fast noch mehr) & Rock'n'Roll (ist auch ein wenig drin) namens Tattoos & Tequila - Mein Weg zur Hölle und zurück mit Mötley Crüe ans Licht.

Dabei spricht Neil überraschend offen. Und zwar nicht nur über seine Bandkumpels, mit denen ihm seit mindestens einem Vierteljahrhundert eine regelrechte Hassliebe verbindet, sondern auch über sich selbst. Gleich zu Beginn fällt er mit der Tür ins Haus und berichtet von seiner Legasthenie, und dass er eigentlich gar kein redseliger Typ sei. Glücklicherweise ist dem auf den folgenden 360 Seiten nicht so, sonst wäre es ein recht fades Vergnügen und dem Leser wären einige ziemlich unterhaltsame Anekdoten aus der Welt des Glamours entgangen. Denn stellenweise zieht der blonde Surferjunge (wie Vince sich selbst sieht) ganz schön vom Leder und entspricht damit durchaus dem Bild, welches man von ihm im Kopf hat: nämlich dem des leicht tumben und recht oberflächlichen Rockstars, der ständig nur auf der Suche nach dem nächsten Kick ist.

Doch mit der Zeit gewinnt man immer mehr das Bild von einem gebrochenen Mann, der auf der Suche nach etwas Halt und Geborgenheit ist. Nicht umsonst bedröhnte er sich jahrelang bis zum Exzess mit Alkohol, Drogen und schnellen Sexabenteuern und befindet sich bereits in seiner vierten Ehe. Denn alleine sein, das möchte er nicht - selbst wenn er nebenbei ständig noch andere Gespielinnen mit ins Bett schleppt. Also ist der Typ doch nur ein wandelndes Klischee? Zum großen Teil wohl leider ja. Wenn auch ein sympathisches. Wenn er vom Burritotrick, den wilden Partys, Showbiz-Kollegen und den naiven Bandanfängen erzählt oder über den Unterschied zwischen Pornosternchen und Playboy-Häschen philosophiert, bleibt so schnell kein Auge trocken. Aber doch sind es immer wieder die Tragödien, welche ihn als ganz normalen und verletzlichen Menschen erscheinen lassen. Besonders hervorzuheben sind da natürlich der von ihm im zugedröhnten Zustand verursachte Autounfall, bei dem der damalige Hanoi Rocks-Schlagzeuger Razzle starb oder der tragische Tod seiner kleinen Tochter Skylar.

Einen guten Kniff erlaubte sich Biograf Mike Sage, indem er nicht nur den Sänger alleine zu Wort kommen ließ, sondern auch sein Umfeld interviewte und dessen Worte Neils gegenüber stellte. Dabei decken sich die Aussagen nicht wirklich immer - gerade was seine vier Ehefrauen betrifft. Daneben kommen auch noch Manager, Geschäftsparter und seine beiden Kinder zu Wort (amüsant: eine Zeitlang waren Mötley Crüe bei der Jugend so uncool, dass man mit seinem Rockstar-Papa nicht einmal angeben konnte). Von seinen Mitmusikern meldet sich freiwillig nur Nikki Sixx zu Wort, der zwar auch kritische, aber dann doch diplomatisch lobende Worte für seinen Sänger übrig hat. Denn noch eine Erkenntnis gewinnt man immer wieder: Sie können nicht miteinander, aber auch erst Recht nicht ohne einander. Letzteres gilt natürlich vor allem in geschäftlicher Hinsicht. Denn Mötley Crüe ohne Vince Neil ging bereits in den Neunzigern kolossal schief.

Tattoos & Tequila - Mein Weg zur Hölle und zurück mit Mötley Crüe ist am Ende genau das typische Rockstarbuch, welches man erwartet und überzeugt in dieser Hinsicht vollkommen. Lediglich das Thema Musik kommt manchmal etwas zu kurz. In einfacher Sprache bekommt man einen kleinen Blick hinter die Fassade, dorthin wo es nicht nur glitzert, sondern auch richtig schmutzig ist. Und zwar nicht nur in übertragener, sondern vor allem wörtlicher Hinsicht. Eine kurzweilige und nicht allzu tiefsinnige Geschichte - wie die Musik seiner Band eben auch!


P.S.: Den quasi Soundtrack zum Buch veröffentlichte Vince Neil bereits im letzten Jahr auch bei uns. Eine Rezension dazu gibt es an dieser Stelle.


Mario Karl


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