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Dunstige Händel-Premiere

Info

Künstler: Händel, G. F. (Veldhoven)

Zeit: 04.12.2010

Ort: Essen / Aalto-Theater

Veranstalter: Oper Essen

Fotograf: Thilo Beu

Internet:
http://www.aalto-musiktheater.de/


Fast bis zum Schluss der Aufführung von G. F. Händels spätem „Oratorium“ Hercules hängt ein staubiger Dunst im Bühnenraum des Essenes Aalto-Theaters. Er herrscht sozusagen dicke Luft: Dejanira, die Frau des Hercules, bezichtigt ihren Gatten der Untreue. Eine Kriegsgefangene, die schöne Prinzession Iole, befeuert den Verdacht bis zur Hysterie, die in ein blutiges Finale mündet. Zwischen den geladenen emotionalen Fronten versuchen Hercules Sohn Hyllus und Vertrauter Lichas mehr oder weniger hilflos zu vermitteln, wobei sich Hyllus schließlich selbst in das erotische Spiel verwickelt … Doch nicht nur die Beziehungen zwischen den Personen sind von Zerfall bedroht. Regisseur Dietrich W. Hilsdorf und der Bühnenbildner Dieter Richter haben eine ruinösen Einheitsbühnenraum ersonnen, in dem Antike und Barock eine modrige Synthese eingehen. Grau, Braun, gebrochenes Weiß und Schwarz, dazu Momente von schmutzigem Blau und Purpur sind die vorherrschenden Farben dieser Inszenierung auch bei den Kostümen (Renate Schmitzer). Alles atmet Vergänglichkeit, Tod, Verwesung. Halbgottdämmerung.

Händel hat das Libretto von Thomas Brougthon in ein „musikalisches Drama“ übersetzt, eine Oper ohne Szene, ein Oratorium über ein mythologisches Thema. Die Musik erzeugt aus sich selbst heraus den theatralischen und dramaturgischen Raum: psychologischen Raum, gestischen Raum, szenischen Raum. Vorausgesetzt, die musikalische Umsetzung ist so hellwach, differenziert und spannungsvoll wie beispielsweise in den Einspielungen unter Marc Minkowski oder William Christie, so genügt im Grunde eine rein konzertante oder allenfalls halbszenische Darbietung.

Die Saat des Zweifels

Leider entlockte Dirigent Jos van Veldhoven, den Essener Philharmonikern selten mehr als einen braven Sonntagssound. Dem in der Artikulation wenig differenziertem Spiel fehlte es an Farbe und Biss, der rhythmische Puls wirkte oft steif und eckig. Gerade bei den dramatischereren Nummern mangelte es trotz der gar nicht so kleinen Besetzung an Körper und Basstiefe. Maximale Transparenz und schlackenloser Wohlklang schien Veldhovens Maxime zu sein. Mag sein, dass das Aalto-Theater am Ende einfach auch zu groß für diese Musik ist.
Am besten geriet noch die lyrische Dimension, aber die alleine macht noch keine Tragödie - da zeigte sich wieder, wie anspruchsvoll die „einfache“ barocke Affekt- und Klangsprache doch eigentlich ist und welches Niveau man da inzwischen im Ohr hat. Die spannungsarme Noblesse übertrug sich leider immer wieder auch auf die imposanten, von den Essener Opernchören eigentlich gut dargebotenen Chorsätze, die das Geschehen kommentieren.

Warnung vor der Eifersucht

Will man beim Hercules über die konzertante Ebene hinausgehen und zeigen, was in der Musik angelegt ist, bedarf es schon mehr als jenes Arrangements aus Versatzstücken, das Hilsdorf und sein Team auf die Bretter brachten. Hereinstürzen, Händeringen, auf dem Boden Wälzen, Herumschleudern - da müssen es schon wirklich gute SängerdarstellerInnen sein, damit es unter die Haut geht und nicht nur angestrengt dramatisch wirkt. Leider gelang es trotz gelegentlich laut knallender Auf- und Abgänge nicht wirklich, über eine oratorienhafte Statik hinauszugelangen - letztlich schlug auch hier die mangelnde musikalische Spannung zu Buche. Und die finalen Höhepunkte, das schmerzverzerrte Rasen des Hercules oder der Wahn der Dejanira, missglückten einfach: Wenn Hercules beim Toben auf der Bühne sein Gewand anheben muss, um nicht zu stolpern, die Vorhänge herunterreisst und sich fast darin verheddert … um dann bei den schwierigen Koloraturen innerzuhalten, damit die vokale Stabilität gewährleistet ist, schwankt das zwischen Overacting und Unentschlossenheit.
Händel ist eben weder Gluck noch Wagner. Gleiches gilt für den Wahnsinn Dejaniras, bei dem man den Eindruck haben konnte, die Sängerin fühlte sich mit dem Konzept selbst nicht wohl. Viele Gesten hingen einfach in der Luft. Auf die Worte „Hide me from their hated sight, friendly shades of blackest nigh“ den Rock über den Kopf zu ziehen und hineinzusingen, wirkte naiv. Unfreiwillig komisch schließlich der finale Auftritt des gazeverhüllten göttlichen Hercules-Wiedergängers mit Hochzeitsschleier.

Trotz ihrer klangschönen, technisch sehr gut geführten Stimme vermocht Michaela Selinger auch vokal nicht wirklich, den komplexen, explosiven Charakter der heimlichen Hauptfigur Dejanira mit der nötigen Suggestivität und Eindringlichkeit zu zeichnen. Auch ging im Raum zu viel Klangsubstanz ihrer Stimme verloren.

Überzeugend, ja packend geriet die Darstellung von Alma Svilpa, dessen markiger Bariton immer auch den Anforderungen des barocken Belcantos gewachsen war und das milde Orchesterspiel vergessen machte. Ihm nahm man den zwiespältigen Heroen ab. Blass hingegen blieb die Iole der Christina Clark. Ihr glockenreiner Sopran vermochte nichts von jenen Traumata zu vermitteln, die die Prinzessin verfolgen. Wegen unüberhörbarer stimmlicher Mängel und unsauberer Intonation enttäusche Andreas Hermann als Hyllus. Die Rolle des Lichas, gesungen von Marie-Helen Joël, war bis auf eine Arie zusammengestrichen worden.

Doch weder diese Kürzungen noch szenische Brückenschläge durch leitmotivisches wiederkehrendes Material aus dem "Eifersucht"-Chor konnten den behäbigen Gesamteindruck dieser Aufführung mindern. Der Dunst wollte irgendwie nicht weichen. Angesichts der hochkarätigen Vorlage und der durchaus qualitätvollen Essener Händel-Aufführungen der letzten Jahre ist das wirklich bedauerlich.

Georg Henkel


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