····· Mit neuem Gitarristen veröffentlichen die Philadelphia Hard Rocker On Top eine neue EP ····· Living Colour kündigen neues Studioalbum an ····· Nach 2 Millionen Single-Streams kommt Jaimi Faulkner mit neuem Album auf Tour ····· Shaman’s Harvest – neues Album Red Hands Black Deeds und Track Pre-Listening zu “Broken Ones“! ····· David Gilmour veröffentlicht Live-Aufnahmen, die er bei zwei Konzerten in Pompeii hat mitschneiden lassen ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Artikel

Michael Jackson - 50 Jahre Kind

Info

Autor: Adrian Grant

Titel: Michael Jackson – Eine Bilddokumentation 1958-2009

Verlag: Bosworth

ISBN: 978-3-86543-441-8

Preis: € 29,95

304 Seiten

Internet:
http://www.mjworld.de

Schön zu Lesen ist diese Bilddokumentation über Michael Jackson nicht. Auf über 300 großformatigen Seiten wird das Leben des King of Pop chronologisch abgehandelt. Einen durchgehenden Text gibt es dabei nicht. Grant zieht das Ganze Tagebuchartig- oder besser Terminkalenderartig auf. „9. Juli 1983 - Michael ist auf dem Cover des Teenie-Magazins ´Tops`“ ist so ein typischer Eintrag.

Natürlich gibt es auch längere und interessantere Einträge. Aber bei vielem fragt man sich, was das soll; z.B. wenn ein gutes Dutzend Einträge nacheinander lediglich daraus bestehen, dass darauf hingewiesen wird: „Michael gibt ein Konzert in X.“, „Michael gibt ein Konzert in Y“, etc. Das geschieht allerdings nicht bei jeder Tour, so dass man sich schnell nach den Auswahlkriterien fragt. War diese Tour besonders wichtig? Wenn ja, warum sagt uns Grant das nicht?

Ähnlich sieht es bei gelegentlichen Einträgen in der Art von „Michael geht im weltberühmten Spielzeugladen Hamleys einkaufen.“ aus. Es dürfte anzunehmen sein, dass Michael Jackson erheblich häufiger in irgendwelchen Läden war, als es im Buch erwähnt wird. Warum werden gerade diese Besuche ausgewählt?

Dazu kommen Hunderte von Anmerkungen, wann und wo welche Jackson-Titel, -Alben, oder -Videos in mehr oder weniger relevanten Charts notiert waren. Irgendwann drängt sich der Endruck auf, das Grant einfach jeden Pups, den er datieren konnte, in sein Buch aufgenommen hat, ohne jede Reflexion über Sinn und Verstand.
Das Ergebnis ist ein „Fakten“-Dickicht, durch das man sich nur ungern hindurch kämpft.

Das aber ist nur ein Manko dieses Prachtbandes.
Großformatige, ganzseitige Bilder sind rar. Und das, was in dem Buch zu sehen ist, wirkt selten wie Profi-Arbeit, eher wir leidliche Schnappschüsse aus der Entourage heraus - nicht wirklich schlecht, vielleicht gelegentlich auch von gewissem dokumentarischem Wert. Wenn sich etwas aber großspurig „Bilddokumentation“ nennt, erwartet man mehr. Dafür ist das Bildmaterial mehr als mau.

Kommen wir zum Schluss zum Inhalt. Die Gestalt Michael Jackson ist ja nun nicht unumstritten. Und so taucht auch in diesem Band zwangsläufig unter anderem eine Reihe von Gerichtsverfahren auf, die der King of Pop mit Geschäftspartnern geführt hat. Mit ihnen wird ähnlich umgegangen, wie mit dem Verfahren wegen Kindesmissbrauchs und Jacksons massiven Versuchen sein Äußeres zu verändern.
Die Wertung von Grant ist eindeutig. Alles Lüge! Dass Michael Jackson der beste Mensch ist, der diese Erde bewohnt hat, wird mehrmals betont. Gerichtsverfahren gegen und Kritik an ihm waren alles grundsätzlich Verleumdungen.
Aber merkwürdig: Der einzige Prozess, bei dem Grant von einem Freispruch berichten kann, ist der wegen Kindesmissbrauch. Wenn es um nicht bezahlte Rechnungen und ähnliches geht, endet das Ganze immer mit außergerichtlichen Einigungen gegen Zahlung nicht genannter Geldbeträge. Selbst der unkritischte Fan sollte da ins Grübeln kommen. Das spricht nicht gerade für die Unschuld Jacksons.
Dass Michael Jackson Haut immer heller wurde, war übrigens „der Punkt, bei dem mir Michael am meisten leid tat, weil er wirklich an einer Hautkrankheit namens Vitiligo litt.“ (S. 300) Ob diese Krankheit auch für die Formveränderung der Nase, die Glättung der Haare etc verantwortlich war, beantwortet Grant nicht. Immerhin räumt er plastische Operationen ein, „aber nicht in dem Ausmaß, das die Leute gerne glauben möchten“.

Insgesamt ist diese Bilddokumentation eher der Versuch einer Heiligsprechung, als eine kritische oder auch nur realistische Annäherung an eines der faszinierendsten Phänomene der Popwelt des 20. Jahrhunderts.

Kleine kritische Splitter gibt es dann doch noch ganz am Ende des Buches - allerdings nicht aus dem Munde Grants.
Da ist zum einen die kurze Kondolenz von Barack Obama, der Michael Jackson als einen unserer größten Entertainer würdigt, aber auch dran erinnert, dass seine Brillanz als Performer „auch mit einem tragischen und in vielerlei Hinsicht traurigen Privatleben verbunden“ (S. 299) war. Wer von Jackson nur das kennt, was Grant in seinem Buch geschildert hat, bekommt den Eindruck, Obama spricht von einem anderen Menschen.
Ähnlich klingt ein Blogeintrag von Jacksons Ex-Frau Lisa Marie Presley, für die die Tode ihres Vaters und Ex-Mannes in eins fallen. Während der Nachrichten über Michaels Tod, sieht sie „wie Stück für Stück das exakte Szenario, das ich am 16. August 1977 beim Tod von Elvis geschehen sah, in diesem Augenblick mit Michael erneut geschieht.“ (S. 299)

Und ja, da ist etwas dran! Wenn ich an den zweiten Band der großartigen Elvis-Biogrpahie von Peter Guralnick zurückdenke, dann erscheint da das Bild eines Mannes, dem es nie gelungen ist erwachsen zu werden. Das ist bei Michael ähnlich. Während Elvis nach Eintritt seines Erfolges aber ein halbes Leben lang Pubertät gefeiert hat, scheint Michael Jackson nie so weit gekommen zu sein.
Der bereits mit fünf Jahren von seinem ehrgeizigen Vater auf die Bühne geschickte Michael ist bis ans Lebensende das Kind geblieben, das nach dem gegriffen hat, was es haben wollte, ohne in Verantwortlichkeit abwägen zu können, was gut und falsch, was sinnvoll oder unsinnig ist.
Das erklärt dann auch die sexuellen Übergriffe (wenn es sie denn gegeben hat). Im Prinzip hätte hier nicht ein Erwachsener an Kindern rum gespielt, sondern es wären in gewissem Sinn wohl wirklich unschuldige Spiele zwischen Kindern (was es für die „wirklichen“ Kinder nicht leichter gemacht hätte).
Auch die Konzentration der wenigen privaten Termine in Grants Buch auf Besuche in Spielwarenläden, Disneyland u.ä., das „Haben-wollen“ einer weißen Identität und die Märchenwelt Neverland, die Michael Jackson sich erschaffen hat, passen da voll ins Bild.

Es wäre zu hoffen, dass es noch einmal eine Biographie über Michael Jackson gibt, die von einem Autor geschrieben ist, der zur kritischen Distanz zu seinem Thema in der Lage ist und die Fähigkeit hat, eine reflektierte Darstellung zu liefern.
Dieser Band ist nur dem zu empfehlen, der jeden Papierfetzen sammelt, auf dem die Worte Michael Jackson stehen.

Norbert von Fransecky


Zurück zur Artikelübersicht