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Annihilator schreddern Thrash der alten Schule

Info

Künstler: Annihilator

Zeit: 14.10.2010

Ort: C-Club, Berlin

Besucher: 300

Veranstalter: Wizard Promotions Konzertagentur

Fotograf: Norbert von Fransecky

Internet:
http://www.annihilatormetal.com

Liegt es daran, dass ich alt werde, oder wird wirklich alles schlechter. Es fällt mir jedenfalls auf, dass es mir seit einigen Jahren immer schwerer fällt, bei neuen Scheiben wirklich begeistert zu sein, Bands zu finden, bei denen man mit zitternden Ohren auf das nächste Album wartet und dieses dann auch mit vollem Herzen in die Dauerrotation packt.

Jeff Waters brauchte geschätzte 25 Millisekunden, um mir diese kulturpessimistischen Gedanken aus dem Hirn zu jagen. Der Typ ist ein Phänomen! Sein eher massiver Körperbau und sein fast stampfendes Auftreten scheinen überhaupt nicht zu der hyperschnellen Gitarrenarbeit zu passen. Und das weiß er scheinbar ganz genau. Immer wieder schaut er völlig überrascht in die Runde nachdem er eine Akkordsalve abgefeuert hat, nur um sich mit diabolischem Grinsen sofort in die nächste zu stürzen.


Pfeilschnell, rasend, rasant, unglaublich schnell geht es durch das Programm. Nach dem zweiten Stück „Clown Parade“ musste ich meine Kameralinse putzen, weil Waters Schweißtropfen die Fotos zu versauen begann.

Waters ist und bleibt der Held des Abends. Da kann er Dave Padden noch so sehr als langjährigen Mitkämpfer loben und der kann versuchen sich durch das Erklettern der Boxentürme neben der Bühne in Szene zu setzen, Waters bleibt Herz, Seele und Mittelpunkt einer derzeit unschlagbaren Band. Warum er sich in einem mittelgroßen Club rumschlagen muss, während Maiden, Priest oder andere Legenden Arenen buchen können, bleibt ein Rätsel. In dieser Form blasen Annihilator alle weg. Ähnlich hoch energetische Bands habe ich in den vergangenen Jahren eigentlich nur zwei erlebt: auf der einen Seite Molly Hatchet, auf der anderen das Tokyo Ska Paradise Orchestra. Vielleicht kann auch Lemmy noch gleich ziehen, aber alles andere,….

Alberto Camouzano und Dave Padden

Und das Schönste an der Sache ist, dass Annihilator, ähnlich wie die Scorpions, nur positive Aggressivität ausstrahlen. Emporgereckte Teufelshörnerchen wirken da eher lächerlich. Das Wort „evil“ hat hier nur insofern was zu suchen, dass es zufällig dieselben Buchstaben wie „live“ enthält. Waters lebt Lebensfreude authentisch wie kaum jemand. Mitreißend.
Auch der Soundman reißt sich am Riemen. Zu Beginn des Endspurts schiebt er die Regler mal so weit hoch, dass die tiefere Stimme von Waters noch gut kommt; Padden sich aber überschreit. Aber das merkt der Mann am Pult offenbar rechtzeitig, so dass Annihilator nicht nur musikalisch, sondern auch soundmäßig eines der besten Konzerte abliefern, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.

Zu Berlin hat er eine besondere Beziehung, erzählt Waters plötzlich. Hier habe er vor 21 Jahren sein Tourleben begonnen, erinnert er sich. Das Besondere am deutschen Publikum sei, dass es immer wieder nach einigen ruhigeren Nummern frage. Gesagt getan: Drei Barhocker erscheinen auf der Bühne und Waters, Padden und Bassist Alberto Campuzano (tolle weiche Stimme) intonieren zwei Akustikstücke. Das ist natürlich nicht das Ende. Das wird in der Zugabe von einer alles zermalmenden „Alice in Hell“ gesetzt. Fantastisch! Ein Konzert, das den gesetzten Zeitrahmen (Ende 24 Uhr) bis fast exakt zur letzten Sekunde auskostet.

Ach ja, da gab es ja auch noch was vor Annihilator. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! Mit anderen Worten, wer sich an die Homepage des C-Clubs „Einlass 20 Uhr; Beginn 21 Uhr“ gehalten hat, kam erst im Club an, als die eröffnenden Adimiron schon wieder in den Kulissen verschwanden waren. Schade, für alle Beteiligten. Denn 30 Minuten lang hatten sich die Italiener mehr als beachtlich präsentiert und sich auch von der Tatsache nicht beeindrucken lassen, dass exakt zwei(!) Konzertbesucher an der Bühne mitbangten, während der Rest des bereits spärlich erschienen Publikums jenseits des Mischpultes die Getränke verkostete.

Adimiron spielten einen mörderischen Death-Thrash der absolut unstumpfen Art. Insbesondere der Drummer überzeugte mit seinen extrem vertrackten Rhythmen, die der Band Leben und Charakter gaben.
Auch das Stageacting war alles andere als Newcomer mäßig. Ob Zottelmähne, lange Matte, Vollbart oder Glatze, alle fünf Musiker gaben von der ersten Minute an alles, damit das Ganze nicht nur wie Metal klang, sonder auch so aussah.

Dass die darauf folgenden Sworn against deutlich bessere Resonanz erhielten, dürfte sowohl auf den höheren Bekanntheitsgrad, wie auf die mittlerweile besser gefüllte Halle zurückzuführen sein. Die etwas stärkere Rhythmus-Betonung konnte jedenfalls das (nicht nur) im Vergleich zu Adimiron sehr stumpfe Gehacke auf den Drums kaum ausgleichen. Eindeutig dritter Sieger.

Norbert von Fransecky


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