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Artikel

Gefangen im frommen Ghetto - Switchfoot in Berlin

Info

Künstler: Switchfoot

Zeit: 03.06.2010

Ort: Postbahnhof, Berlin

Besucher: 350

Fotograf: Promo

Internet:
http://www.switchfoot.com

Zum Einsteig Schrammel-Rock von Oh, Napoleon, eine junge Band, durchaus tight aber noch ohne Identität. Frontfrau Katrin Biniasch überzeugt optisch wesentlich mehr, als akustisch. Deshalb wohl auch die eng anliegende schwarze Gewandung. (Doppelt ärgerlich, dass irgendwer beim Veranstalter den zugesagten Fotopass für die MAS versemmelt hat.)

Davor ein Publikum, dessen Verhalten mich an eine Pausenhofaufsicht erinnert. Nicht nur wegen des gegenseitigen Gezickes der pubertierenden Jungen und Mädchen, sondern vor allem, weil die Gäste fast durchweg in Gruppen auftraten - wie Schulklassen eben.
Die Vermutung, dass es sich hier hauptsächlich um kirchliche Jugendgruppen handelte, bestätigte sich in der Pause. Wen ich auch ansprach, woher er denn von dem Konzert erfahren habe, für das ich in Berlin nicht ein Plakat oder irgendeinen anderen Hinweis gesehen hatte, antwortete mit „Von einem Jugendleiter in der Arche“ (sozial engagierte Freikirche in einer Plattenbausiedlung), „Von einer freikirchlichen Mailing-List“ oder „Aus einem Gerth-Newsletter“ (freikirchlicher Medienvetrieb).

Line up:

Jon Foreman
Tim Foreman
Chad Butler
Jerome Fontamillas
Drew Shirley
Die Folge: Der sowieso schon durch Abhängungen verkleinerte Postbahnhof war immerhin gut halbvoll. Aber Joe Foremanns im Interview immer wieder geäußertes Ziel, aus dem kirchlichen Binnenbereich auszubrechen dürfte in Berlin nicht einmal im Ansatz gelungen sein. Dass in Köln der Laden ausverkauft war, dürfte daran nichts ändern. „In der Region gibt es ein sehr dichtes Netz von Freikirchen(!; NvF)“, wusste eine aus dem Rheinland zugewanderte Besucherin.
Und so durfte man gespannt sein, wie sich der San Diego-Fünfer, der in seiner Heimat Platin-Alben und Billboard-Platzierungen gewohnt ist und auf einer Tour 2,5 Millionen Fans zieht, bei dem Rücksturz auf eine kleine Berliner Club-Bühne bewähren würde.

Die Antwort lautet ganz knapp: Fantastisch. Von Frust oder Überheblichkeit war nichts zu spüren. Man hatte auch nicht den Eindruck, dass hier eine Band auf fremdem Territorium eine Promo-Pflicht-Übung absolvierte. Im Gegenteil: Das Quintett wirkte begeistert, hungrig und strotze nur so vor Spielfreude. Und das Publikum spielte von Anfang an mit. Bereits bei „Mess of me“ war das komplette(!) Publikum ein einziges Meer klatschender Hände. Dessen Textsicherheit wies einmal mehr daraufhin, aus welchem Milieu die Fans kamen. Denn während der Major-Release in Deutschland zum Konzerzeitpunkt erst eine knappe Woche zurücklag, war die aktuelle Scheibe Hello Hurricane über den christlichen Vertrieb GerthMedien bereits seit November erhältlich. Zeit genug die Texte zu verinnerlichen.


Die Wandlung von der Post-Grunge/ Alternative-Band hin zum lupenreinen Rockact bestimmte das Konzert von vorne bis hinten. Die Hälfte der Setlist stammte sowieso vom aktuellen Album, aber auch die älteren Nummern wurden mit wesentlich mehr Druck aus den Boxen gehauen. „Meant to live” vom Durchbruchalbum The beautiful Letdown beschloss den regulären Set dann sogar als veritables NuMetal Gewitter.
Wenn es zwischen durch mal etwas ruhiger wurde, dann war das kein selbstmitleidiges Grunge-Gewimmer, das das Studio-Album durchaus noch teilweise geprägt hatte, sondern der bewusste, die Dynamik des Konzertes steigernde Griff zum akustischen Equipment, so bei „Your Love is a Song und dem im Zentrum der Zugabe stehenden „Only Hope“.

Setlist:

Needle and Haystack Life
Mess of me
Stars
Oh! Gravity
Gone
Your Love is a Song
Bullet Soul
Life
Free
The Sound
Always
Awakening
Meant to live
* Zugaben *
Hello Hurricane
Only Hope
Dare

Nicht nur musikalisch sondern auch beim Stage acting ließen die frommen Amis nichts anbrennen. Auf der Bühne war ständig Bewegung. Der Kontakt mit dem Publikum wurde gesucht, nicht nur im Dialog zwischen den Songs, sondern auch mit gelegentlichen Handshakes und einem kurzen Bad von Sänger Joe Foreman in der Menge.
Klassisches Rock-Entertainment fand statt, wenn bei dem fast progressiven „Life“ die Gitarre mit den Zähnen gespielt wurde, oder Joe Formean sich plötzlich zum Singen auf(!) die Basedrum stellte.

Das Berliner Publikum bekam ein Konzert, das es für seine Begeisterung verdient hatte. Und Switchfoot haben eine Performance abgeliefert, die ein zehn Mal so großes Publikum verdient hätte. Hoffentlich waren die drei Deutschland-Gigs in diesem Sommer nur ein Vorwort zu einer größeren Erfolgsgeschichte in unseren Breiten.

Norbert von Fransecky


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