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Artikel

WERNER RÜDEL JR. lässt "… den Dingen ihren Lauf“

Info

Gesprächspartner: Werner Rüdel Jr.

Zeit: 12.12.2009

Interview: E-Mail

Stil: Liedermacher, Chanson, Folk

Internet:
http://diekleinkunstagentur.de/
http://www.myspace.com/wernerruedel

Der Liedermacher WERNER RÜDEL JR. zeigt auf seiner ersten Solo-CD, …den Dingen ihren Lauf, dass er zu den wichtigsten Vertretern des Genres in Deutschland zu zählen ist. Nicht nur musikalisch sondern auch - und vor allem - mit seinen poetischen und anspruchsvollen Texten kann er überzeugen. Dies kommt nicht von ungefähr, ist er doch schon seit vielen Jahren, zumindest regional, als Kulturschaffender unterwegs. Dass der vielseitige Künstler einiges zu sagen hat, kann man auch im folgenden Interview nachlesen.

MAS:
Lieber Werner Rüdel Jr, obwohl Sie schon seit vielen Jahren musikalisch mit dem ‚Familienunternehmen’ OSC (Original Schüddel Combo) unterwegs sind (eine Mundart-Musik-Gruppe aus Boppard am Rhein mit bisher drei CD-Veröffentlichungen) dürfte Sie nur ein kleiner Kreis an Interessierten im Bundesgebiet kennen. Könnten Sie sich unseren Lesern zunächst einmal etwas näher vorstellen?

Werner Rüdel Jr.:
Es ist tatsächlich ein überschaubarer Kreis, bei dem ich mit meinen musikalischen Projekten bekannt bin. Das liegt daran, dass sich bisher meine Auftritte hauptsächlich auf meine Heimatregion beschränkten. Von einigen Ausrutschern einmal abgesehen. So spielte ich z.B. Ende der 80er noch im legendären GoIn in Berlin. Sehr gerne erinnere ich mich auch an einen Auftritt in einem Tanzlokal auf der indonesischen Insel Java. Da hat zwar keiner meine Texte verstanden, aber Musik ist ja die Sprache, die die Menschen verbindet.
Aber jetzt schweife ich gleich schon bei der ersten Frage ab. Also: Geboren bin ich gerade noch so in die 50er. Die 60er waren dann dominiert von Kindergarten, Schule und Fußballspielen. Anfang der 70er hat mich die Wanderklampfe meiner Mutter begonnen zu interessieren. 75 floss das erste eigene Lied aus mir. Eine Hommage an meinen Heimatverein SSV Boppard, angeregt durch den 74er Weltmeistersong "Fußball unser Leben".
Dann kam noch mehr Schule und schließlich eine Lehre zum Fotografen, die ich brauchte, um mir meinen Berufswunsch Kameramann zu erfüllen, was mir zehn Jahre später dann tatsächlich geglückt ist. Anfang der 80er ging es dann erstmalig auf die Bühne, zunächst solo, dann mit der Band "Werner & Freunde".
Die Schüddel Combo, die parallel entstand, war ein eigentlich einmaliges Projekt, zusammen mit meinen vier Brüdern, die Rhein-,Wein-, Weib-, Gesangmentalität der Rheinländer zu persiflieren in Bopparder Mundart, mit der ich aufgewachsen bin. Das hat derart eingeschlagen, dass es das Projekt heute noch gibt, erfolgreicher denn je. Damit zieht man Publikumszahlen, die einem mit der Liedermacherei verwehrt bleiben. Nach längeren Aufenthalten in Berlin, München, Hamburg und kleineren Orten zog es mich dann Anfang der 90er Jahre wieder zurück an den schönen Mittelrhein, dorthin wo ich aufgewachsen bin. Heute lebe ich in Oberwesel, unweit meiner Heimatstadt Boppard.

MAS:
„…den Dingen ihren Lauf“ ist Ihr Solo-Debüt. Wie kam es dazu, dass Sie nun nach so vielen Jahren eine Solo-Platte aufgenommen haben?

Werner Rüdel Jr.:
Mein Tonträger-Debüt hatte ich schon 1987 mit der Kassette "Lieder über Gott und die Welt". Die CD war noch in den Kinderschuhen und eine Schallplattenproduktion konnte ich mir nicht leisten, also eine Kassette in kleiner Auflage. Eingespielt hat das Ganze meine oben erwähnte erste Formation "Werner & Freunde" mit Schlagzeug, Bass, Gitarre, Saxophon, Flöte. Alles etwas rockiger. Immerhin war der Deutschrock ziemlich angesagt damals. Mit den nächsten Formationen haben wir es nie geschafft mal wieder was Vorzeig- und hörbares aufzunehmen. Immer verließ kurz bevor es ernst wurde irgendeiner die Gruppe und ich war mal wieder auf Eis gelegt. Die Hoffnung stirbt zuletzt und jetzt hab ich also die Sache mal generalstabsmäßig geplant, ohne mich auf neue Abenteuer einzulassen. Die Lösung war ganz einfach: Man muss mit Profis zusammenarbeiten. Lange hat es gedauert, bis ich zu dieser Erkenntnis kam und das Ergebnis kann sich hören lassen und auch sehen, denn auch beim so genannten Artwork war ein Profi am Werk.

MAS:
Können Sie von der Musik leben oder haben Sie noch einen ‚geregelten Beruf’ und machen die Musik nebenher?

Werner Rüdel Jr.:
Ich lebe nicht vom Singen, ich singe vom Leben. Ich betreibe eine Künstler- und Veranstaltungsagentur, was auch für die eigenen Projekte ganz praktisch ist.

MAS:
Haben Sie irgendwelche Vorbilder bzw. welche Bands, Musiker oder Texter sind Ihre wichtigsten Einflüsse?

Werner Rüdel Jr.:
Vorbilder gab und gibt es keine. Ich wollte nie klingen wie irgendein anderer. Natürlich gibt es Leute, die ich immer wieder gerne gehört habe und die ich immer wieder gerne auflege und deren Konzerte ich besuche. Meine erste gekaufte Platte war von Schobert & Black, meine bisher letzte von "7 Worlds Colide", ein Projekt neuseeländischer Musiker um Neil Finn. Die Einflüsse kommen von der Musik, die ich gerne höre. Ich erfinde da überhaupt nichts Neues. Meine Musik würde völlig anders klingen, wäre ich in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen, das ist ja völlig klar. Manchmal nach Fertigstellung eines neuen Liedes, wenn es mir schon richtig vertraut geworden ist, werde ich schon mal unsicher und frage mich ob diese ohne jene Zeile, diese oder jene Melodie nicht wohl schon mal da war. Bis jetzt wurde ich aber noch nicht des geistigen Diebstahls bezichtigt. Es muss sich also bei meinen Sachen tatsächlich um neue Zusammenstellungen von Wörtern und Tönen handeln. Meine Plattensammlung ist ein bunter Mix zwischen Schlager und Klassik. Von Johnny Cash besitze ich die meisten Platten, er war aber auch sehr fleißig. Ein Country war allerdings bei meinen eigenen Liedern noch nicht dabei. Das nur als Beispiel. Von The Manhattan Transfer kann ich alle Studioaufnahmen mein eigen nennen. Ebenso von Abba. Für mich gab es nie die Frage: Beatles oder Rolling Stones. Von diesen beiden Gruppen besitze ich gar nichts. Schauen wir mal ins deutsche Fach: BAP, Kunze, Lage, die Deutschrocker der 80er. Mit Klaus Hoffmann konnte ich erst so ab den 90ern was anfangen, Ulla Meinecke fand ich gut, Stefan Sulke. Dann hab ich mich mal ne zeitlang mit den Schlagern der 20er/30er Jahre beschäftigt, Friedrich Holländer, dann mit dem so genannten Austropop. Die ostdeutschen Gruppen hab ich gerne gehört, wie z.B. Silly. Toll wie hier eindeutig zweideutige Botschaften verpackt wurden. Auch heute gibt es viele neue Leute zu entdecken: Bodo Wartke, Martin Sommer. Aber wer oder was auch immer, nie habe ich mich hingesetzt und gesagt: so, jetzt schreib ich mal ein Lied im Stil von ... Meine Lieder haben sich immer einfach so ergeben, für mich immer wieder überraschenderweise.

MAS:
Wie kam die Zusammenarbeit mit den beteiligten Musikern zustande, die ja alle auf sehr hohem Niveau spielen?

Werner Rüdel Jr.:
Nachdem mal wieder eine Band auseinander gebrochen war, stand ich also schon wieder vor der Frage: Woher nehme ich jetzt wieder neue Musiker? Solo wollte ich nicht auftreten. Das war nie mein Ziel, dafür sind meine Gitarrenkünste auch viel zu begrenzt. Als es in Boppard noch keine Stadthalle gab, wurde ein großer Hotelsaal als solche genutzt. Ich war dort zum Schluss einige Jahre für das Programm zuständig. Und dort trat auch immer mal wieder in verschiedenen Formationen ein junger Mann namens Uli Cleves auf. So lernten wir uns kennen. Über meine Agentur konnte ich dann auch sein Jazzduo mit Piano und Saxophon immer mal wieder einsetzen. Damals war Cleves noch Musikstudent, Klavier und Posaune. Kann ich einen Jazzer überhaupt auf meine bescheidenen Melodien ansprechen? Ich habe es getan und siehe da, es outet sich ein Liedermacherfan, der große Stücke auf Konstantin Wecker hält. Zur ersten Probe kam Uli schon mit ausgearbeiteten Arrangements und zum ersten mal habe ich erlebt, wie man nicht nur seine Songs runterdudeln, sondern sie auf den Punkt bringen kann. So konzentriert und zielorientiert habe ich bis dahin noch nie gearbeitet. Mit dieser Formation kamen wir allerdings auch nicht über die Produktion einiger Demospuren hinaus. Wieder ist ein Mitglied ausgestiegen und wieder hatte ich das Gefühl: alles war für die Katz. Aber aufgeben ist nicht und jetzt wollte ich es wissen. Ich brauchte endlich eine musikalische Visitenkarte, wollte ich nicht mit meinen Liedern im eigenen Wohnzimmer versauern. Uli Cleves, der mittlerweile eine Musikschule in Mainz betreibt, war direkt begeistert dabei, hat einige alte Arrangements überarbeitet und für neue Lieder neue erstellt, hat sämtliche Musiker aus seinem Mainzer Umfeld rekrutiert, alles in Noten gefasst, den Musikanten vorgelegt. Ich habe das Studio gebucht und schon konnte es losgehen. Ein solches Arbeiten habe ich noch nie erlebt. Ich kannte bisher nur wochen- und monatelanges Rumhängen im Proberaum. Alles ist eigentlich ganz einfach, so man des Notenlesens mächtig ist. Ich bin es leider nicht und daher immer wieder aufs Angenehmste überrascht mit welcher Leichtigkeit Musik gemacht werden kann.

MAS:
Speziell Ulrich Cleves hat als musikalischer Leiter und Arrangeur eine großartige Leistung vollbracht. Wie ist es für Sie als Musiker und Texter, wenn jemand anderes die Arrangements schreibt und damit auch die Texte interpretiert?

Werner Rüdel Jr.:
Ulrich Cleves hatte völlig freie Hand und mein ganzes Vertrauen. Es konnte alles nur besser werden als meine Wanderklampfenversionen, die ja bisher nur von dem Material existierten. Ich war immer angewiesen auf die Ideen meiner Mitspieler. Von jedem Lied gibt es ja immer mehrere Versionen. DIE endgültige kann es auch eigentlich gar nicht geben. Alles entwickelt sich, alles ist Veränderungen unterworfen. So ändere ich auch immer wieder Textpassagen oder Töne meiner Lieder. Auch eine fertig gestellte CD kann ja nur den Stand des Aufnahmetages wieder spiegeln. Wenn sie im Laden steht, ist ja alles schon längst wieder Vergangenheit. Es geht mir also mit meinen eigenen Liedern genauso wie mit denen der Kollegen. Es ist Geschmackssache. Entweder gefällt einem ein Lied in seiner Version oder eben nicht. Im Falle meiner CD und Ulrich Cleves bin ich nach wie vor begeistert.

MAS:
Wie schreiben Sie die Musik? An der Gitarre oder am Klavier oder an einem sonstigen Instrument? In welcher Form bekommen die Mitmusiker die Lieder erstmals zu hören?

Werner Rüdel Jr.:
Als Komponisten kann ich mich ja überhaupt nicht bezeichnen. Ich schreibe die Musik auch gar nicht. Noten sind für mich spanische Dörfer. Ich muss die Melodien, die mir einfallen irgendwo fixieren, zunächst auf einem Diktiergerät, MD- oder MP3 Player, vielleicht auf dem Handy. Je nachdem was ich gerade dabei habe, denn Melodien können jederzeit und überall durch mein Hirn rauschen. Wenn ich dann keine Chance habe das irgendwie festzuhalten, dann hat es sich wieder auf immer verflüchtigt (was auch manchmal gar nicht verkehrt gewesen wäre, hört man sich im Nachhinein so manche Ergüsse an). Mit der Gitarre kommt das Ganze dann in eine grobe Form. Ich nehme es auf, vielleicht noch mit einer zweiten Gitarrespur und in dieser Form gelangt es dann an die Mitstreiter.

MAS:
Was ist zuerst da, Text oder Musik?

Werner Rüdel Jr.:
Meistens beides gleichzeitig. Das eine kann nicht ohne das andere. Wie gesagt bin ich kein Komponist, aber auch kein Gedichteschreiber. Ich habe allerdings eine riesige Sammlung von Gedanken, Zeilen, Liedideen, die ich immer, wenn es wieder in meinen Kopf rumort, sofort auf irgendeinem Zettel notiere. Manchmal begebe ich mich auf eine einsame Hütte in schöner Landschaft, bepackt mit Gitarre, Ordnern und Kartons und hoffe, dass das alles zu ordnen ist und ich mit dem ein oder anderen entstandenen Lied wieder die Heimreise antreten kann.
In letzter Zeit bin ich auch als Auftragstextdichter für einen befreundeten Produzenten tätig geworden. Hier kommt der Begriff Liedermachen mal richtig zu Ehren. Ich bekomme eine Melodie geschickt in Lalala-Form und da soll dann ein maßgeschneiderter Text drauf. Da muss dann aber alles passen, da kann man nicht mal eben noch ein paar Worte mehr in der Zeile unterbringen, wie es die Liedermacher ja gerne tun. Da müssen die Betonungen stimmen und das alles muss noch singbar sein. Und saubere Reime sind gefordert, was der Liedermacher als solcher ja nicht als so ungeheuer wichtig erachtet. Da darf sich dann "Tage" eben nicht auf "haben" reimen. Eine wahrlich gute Schule.

MAS:
Ihre Texte sind in der heutigen Zeit außergewöhnlich tief greifend. Zum einen sind sie immer wieder sehr poetisch ohne ins kitschige abzugleiten wie in ‚gelernt’, dann wieder total auf den Punkt gebracht wie in ‚die neue Zeit’ mit allen Schattierungen dazwischen. Woher nehmen Sie die Ideen zu den Texten?

Werner Rüdel Jr.:
Keine Ahnung. Ich schreibe nicht - Es schreibt in mir. Ich denke nicht - Es denkt in mir. Ich schlafe ein mit Musik und ich wache auf mit Musik. Manchmal höre ich Kollegen singen und denke mir: Nein, das geht ja gar nicht. Ein anderes Mal bin ich traurig, dass dieser gerade gehörte in ein Lied verpackte Gedanke nicht auch mir schon längst gekommen ist. Ich habe zwei Jahre in Berlin gelebt, 87 bis 89, und bin öfter die Transitstrecke gefahren. Immer wieder sah man Leute stehen am Rand, winkende Kinder auf den Brücken. Immer wieder habe ich mir gedacht: Man müsste fliegen können wie die Vögel, wie der Schmetterling, dass einen die ganzen in kranken Hirnen ersonnenen Grenzen nicht mehr zu interessieren bräuchten. Alles hat man gelernt, nur eben nicht fliegen. Das ist auf meinem Diktiergerät gelandet. Irgendwann später war ich sehr erstaunt, als ich auf einem Ostsampler eben diesen Gedanken als Lied wieder gefunden habe. Also irgendwo muss diese Idee rumgeschwirrt sein und mindestens mal zwei Leute haben sie mit ihren ausgefahrenen Antennen empfangen und zu Liedern verarbeitet, zu ähnlichen aber doch wieder sehr unterschiedlichen Liedern.

MAS:
Wie würden Sie ihren Stil und ihre Lieder selbst beschreiben. Chanson, Liedermacher, Folk?

Werner Rüdel Jr.:
Ja, genau so! Ich kenne keinen guten Begriff und das ausgerechnet in unserer herrlichen, so vielfältigen Sprache. Es gibt Kollegen, die nennen sich Liederpoeten oder Neue Barden. Einige Liedermacher machen auch Liedermaching. Auf meinem Plakat steht: Lieder, Songs, Chansons.

MAS:
Wie sind die bisherigen Reaktionen auf „…den Dingen ihren Lauf“? Sind Sie damit zufrieden? Immerhin sind sie in der Wertung der Liederbestenliste aufgetaucht.

Werner Rüdel Jr.:
Ich bin sehr zufrieden mit dem Produkt. Das ist der bisherige Höhepunkt der ganzen langen Jahre von meinem ersten eigenen Lied 1975 bis heute. Damit ist für mich schon mal künstlerisch alles erreicht. Erfreulicherweise bekomme ich durchweg positive Rückmeldungen. Das freut mich sehr. Die Liederbestenliste ist ja so eine Art Wettbewerb. Welches sind die besten Lieder des Monats? Kann man das überhaupt vergleichen? Welche Kriterien werden angewandt? Ich mag im künstlerischen Bereich keine Wettbewerbe. Auch keine öffentlichen Veranstaltungen in denen die besten Lieder gekürt werden, von einer Jury oder/und vom Publikum. Auf der anderen Seite können wir mit unserem Nischenangebot wirklich froh sein für jeden Focus, der auf unser Werk gerichtet ist. Also in Gottes Namen auch in Form von Wettbewerben, wenn es denn gar nicht anders geht. Vielleicht gibt es ja irgendwann mal wieder mutige Redakteure in Rundfunk und Fernsehen, die sich dem ungeheuren künstlerischen Potential annehmen, das in den stillen Kämmerlein dieses Landes dahinsiecht und bisher keine Chance auf Entdeckung hat. Man ist ja heutzutage nur existent, wenn man in den Medien präsent ist. Wie soll man das anstellen, solange die Mutlosen die Programmverantwortung tragen?

MAS:
Wird es eine Tournee zu „…den Dingen ihren Lauf“ geben, oder zumindest Einzelkonzerte? Wenn, ja, mit welchen Musikern werden Sie dann unterwegs sein?

Werner Rüdel Jr.:
Im Frühjahr 09 ist die CD erschienen, einige andere Bühnenprojekte standen an, so dass für die Planung einer reinen live-CD-Vorstellung keine Kapazität vorhanden war. Die Planung sieht Konzerte vor ab Sommer 2010 mit Ulrich Cleves am Piano und Akkordeon und Valentin Huber am Saxophon, der auch auf der CD mitgewirkt hat. Mit großer Band aufzutreten, was immer noch mein Traum ist, dürfte momentan utopisch sein. Das Brot des Künstlers ist ja der Applaus. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich werde davon nicht satt! Konzerte verursachen ja erst einmal Kosten. Die müssen gering gehalten werden. Da wird zuerst mal das Personal eingespart. Traurig, aber wahr!

MAS:
Wie schwierig ist es in der heutigen Zeit als Kulturschaffender überhaupt noch an Auftritte zu gelangen? Hilft es hier, dass Sie sich ihre eigene ‚Kleinkunst Agentur’ eingerichtet haben?

Werner Rüdel Jr.:
Sehr schwierig. Machen wir uns mal nichts vor. Außerhalb seines eigenen Dunstkreises ist man eben völlig unbekannt und steht in direkter Konkurrenz zu in den Medien vorkommenden Kollegen. Ich bin ein Ein-Mann-Unternehmen. Ich habe keine Produktionsabteilung, kein Pressebüro, keinen Tourveranstalter. Meine Agentur ist Anfang der 90er entstanden aus Gründen der Selbstvermarktung. Befreundete Künstler baten mich, bei Postaktionen doch auch ihre Flyer mit dazuzulegen. So wurde das immer mehr und immer größer und irgendwann habe ich mich selbst vernachlässigt. Ich ziehe gerade die Notbremse und beginne mich wieder auf die Ursprünge zu konzentrieren. Es gibt nicht schöneres, als mit seiner eigenen Musik auf irgendeiner Bühne zu stehen. Licht aus - Spot an und los geht’s. Dahin möchte ich wieder verstärkt zurück.

MAS:
Neben der Original Schüddel Combo sind Sie auch noch mit dem Programm Balduinsmord zusammen mit Autor Stefan Nick und Achim Römer unterwegs. Können Sie zu beiden Projekten noch ein wenig mehr erzählen?

Werner Rüdel Jr.:
Beide Projekte sind lokal begrenzt und funktionieren wohl auch nur im näheren Umkreis, obwohl wir auch mit der Schüddel Combo schon auf einem ungarischen Festival gespielt haben. Die Leute kommen zur Schüddel Combo um Spaß zu haben und Party zu feiern. Auch nicht schlecht, alles zu seiner Zeit. Aber bevor ich "Ein Stern, der deinen Namen trägt" zum Besten gebe, singe ich doch lieber eigene Sachen, noch dazu in meiner Mundart. Hier am Rhein wird gerne gefeiert, wir nehmen mit den Texten teilweise die Mentalität ein wenig auf die Schippe. Aber da ist uns keiner böse, im Gegenteil. Wenn man 2000 Menschen vor sich hat, die Freude an den eigenen Ergüssen hat, die die eigenen Lieder mitsingen, das hat schon was, da kann man nicht meckern.
Das krasse Kontrastprogramm ist der Balduinsmord. Stefan Nick, ein alter Bekannter, berichtete mir eines Abends beim Bier über sein bevorstehendes Romandebüt und wollte Organisatorisches für eine Lesereise erfahren. Es hat nicht lange gedauert und die Idee war geboren, das gemeinsam zu präsentieren, zumal ich einige normale (im Gegensatz zur Spaßcombo) Mundartlieder im Repertoire habe. Die Romangeschichte spielt im Hunsrück, also direkt vor unserer Haustür und in Verbindung mit meinen Mundartsachen waren die Gemeinsamkeiten schnell ausgemacht. Durch diese Mischung Lesung und Lieder, die wir hier und da auch ineinander überfließen lassen ergibt sich eine wunderbare Atmosphäre die auch uns immer wieder Freude macht.

MAS:
Haben Sie noch etwas, das Sie loswerden möchten?

Werner Rüdel Jr.:
Freunde der Liedermacherei: Haltet uns die Treue! Alle Anderen: Keine Angst vor dem Unbekannten, geht auf Entdeckungsreise. Ihr werdet Euch noch wundern!

Ingo Andruschkewitsch


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