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Artikel

Musik bedeutet Freiheit - Das musikalische Selbstverständnis von HACRIDE

Info

Gesprächspartner: Hacride (Adrien Grousset)

Zeit: Mai 2009

Stil: Extrem/Prog Metal

Internet:
http://www.hacride.com
http://www.myspace.com/hacrideV2

HACRIDE, ein Name der erst einmal abstrakt klingt und erst auf den zweiten Blick schlüssig wirkt. Kommt er doch eigentlich vom englischen „acrid“, was soviel wie ätzend oder beißend bedeutet. Der erste und der letzte Buchstabe haben bei der Namensfindung des Quartetts wohl nur aus ästhetischen Gründen ihren Weg dorthin gefunden. Ätzend, das lässt auch nicht gerade auf Musik für zartbesaitete Gemüter schließen. Und das bieten HACRIDE auch auf keinen Fall. Selbst der Otto-Normalmetal-Hörer sollte einen Bogen um das lautstarke Quartett machen. Denn hier wird einem alles andere als leichte Kost serviert. Moderner Extremmetal mit Hang zu progressiven Strukturen wird hier geboten. Während die Franzosen auf ihren ersten beiden Alben noch relativ klar im Todesbleibereich zu verorten waren, fällt eine Einordnung mit ihrem dritten Album Lazarus, welches im April erschien, umso schwerer. Eine Verwandtschaft zu Bands wie Strapping Young Lad, Meshuggah oder ihren Landsleuten Gojira ist durchaus vorhanden, aber der Wille etwas Einzigartiges zu erschaffen, ist ohne weiteres erkennbar. Und auf ihre Art und Weise ist das HACRIDE auch gelungen. Die Verschmelzung von brachialer Härte, abseitigen Songstrukturen und einer atmosphärischen Komponente funktioniert und weiß zu gefallen. Nur Easy Listening ist das hier auf keinen Fall, sondern eher etwas für besondere Klanggourmets. MAS nahm mit Adrien Grousset, Gitarrist, Songschreiber und Sprachrohr der Band, Kontakt auf und fragte nach, was es mit dem eigenwilligen Krach aus unserem Nachbarland auf sich hat. Hier das Gespräch mit dem auskunftsfreudigen Herrn.





Hallo Adrien! Kannst Du den Leuten, welche nicht so sehr mit der Band vertraut sind, etwas über die Geschichte von Hacride erzählen?

Natürlich, kein Problem. Es fing im Kindergarten oder so an, als ich unseren Schlagzeuger Olivier traf. Später als Teenager begannen wir damit zusammen Musik zu hören und zu spielen. Da trafen wir auch unseren Bassisten Ben als wir gemeinsam in Poitiers rumhingen. Er spielte damals in einer Black Metal-Band. Anschließend lernten wir Sam, unseren Sänger, kennen und starteten die Band um 2001/2002. Seitdem sind wir in derselben Besetzung zusammen. Wir begannen gemeinsam zu spielen, ich kam mit ein paar Songs an und wir nahmen unser erstes Demo Cyanide Echoes auf, das wir an verschiedene Labels verschickten. Darauf bekamen wir eine Antwort von Listenable Records, die daran interessiert waren es zu veröffentlichen. Wir nahmen noch ein paar weitere Songs dazu auf und das Ergebnis ist unser erstes Album Deviant Current Signal von 2005. Es war mehr als Demo, denn als unser Debütalbum gedacht. Danach sind wir mehrmals durch Frankreich getourt und haben 2007 das Album Amoeba heraus gebracht, mit dem wir auch auf Festivals wie dem Graspop, dem Summer Breeze und dem Brutal Assault vertreten waren. Wir spielten eine Tour durch Spanien zusammen mit Dying Fetus und eine Europatour mit Divine Heresy. Die Erfahrungen auf Tour haben uns viel gebracht und nun sind wir zurück mit unseren dritten Album „Lazarus“ - oder für uns selbst eher unser zweites Album. (lacht)

Eure Musik ist nicht einfach zu definieren, da sie nicht wirklich in bestehende Schubladen passt. Kannst Du sie vielleicht in fünf einfachen Worten umschreiben?

Das ist ein Kompliment für mich, denn wir wollten unsere eigenen Grenzen verschieben und unseren eigenen Stil komplett frei von bestehenden Schubladen finden. Wenn ich Dir fünf Worte geben soll, dann wären das progressiv, extrem, atmosphärisch, intensiv und aufrichtig. Ich erkläre Dir, warum ich sagte aufrichtig. Und zwar weil wir versuchen ein Maximum von uns persönlich in unsere Musik zu legen. Lazarus ist in der Tat das Ergebnis der Erfahrungen und der Seele von vier Personen. Wenn ich komponiere arbeite ich mit der Atmosphäre, welche ich gerade fühle, und mit den Noten die ich verwenden möchte. Ich möchte kein eingängiges Lied schreiben, nur um im Radio gespielt zu werden. Unser kürzester Song ist ein Instrumental, und selbst das ist noch lang. Diese Tatsache wurde auch schon mit unserem Label diskutiert, da Stücke auf Magazinsamplern höchstens fünf Minuten lang sein können. Deshalb haben sie auch entschieden den ersten Titel des Albums, der 15 Minuten lang ist, zu beschneiden. Ich mag das Ergebnis gar nicht.

Wenn man euch hört, könnte man denken ihr seit von Bands wie Strapping Young Lad, Death oder Meshuggah beeinflusst. Aber ich kann mir vorstellen, dass es in eurer Musik auch Einflüsse von außerhalb der Metalszene gibt. Was hatte noch Einfluss auf euren Sound?

Die Bands welche Du nanntest haben uns vier gemeinsam beeinflusst. Aber auch Bands wie Tool, Opeth oder King Crimson, Metal und progressive Musik im Allgemeinen. Auf der anderen Seite haben wir alle andere musikalische Hintergründe. Unser Drummer Olivier hört viel Jazz, unser Bassist Ben spielte vor Hacride in einer Black Metal-Band und ist überhaupt ein großer Metalfan. Unser Sänger Sam kommt aus dem Electro- und Hardcorebereich. Ich persönlich höre ziemlich alles von Klassik bis Weltmusik. Deshalb hatten wir auch ein Flamenco-Cover auf unserem letzten Album. Wie Du siehst, hören wir sehr viel verschiedene Musik und es ist sehr wichtig für uns dafür aufgeschlossen zu sein.

Gehe doch bitte kurz auf die musikalische Entwicklung von eurem Debüt über „Amoeba“ bis zu zu dem Punkt an dem ihr heute steht ein.

Ich denke es ist offensichtlich, dass Deviant Current Signal und Amoeba viel extremer als Lazarus waren. Deviant Current Signal klang zum Beispiel viel mehr nach der Band Death, während Ameoba öfter mit Meshuggah verglichen wurde. Mittlerweile haben wir mehr eine Rock-Herangehensweise. Der Sound ist organischer und natürlicher als auf Amoeba, der eher kalt war. Ich denke man kann sagen, dass wir mittlerweile menschlicher klingen.

Was ist das Wichtigste was Deine eigene Musik anbelangt? Beziehungsweise was willst Du mit ihr rüberbringen, eine besondere Atmosphäre oder Botschaft zum Beispiel?

Unsere Musik ist sehr auf Atmosphäre bedacht. Aber wenn es eine Botschaft gibt, die ich mit ihr verbreiten möchte, dann die, dass Musik Freiheit bedeutet. Es gibt darin keine Grenzen und wir können einfach einen 15 Minuten langen Song machen, wie wir es bereits getan haben, oder etwas unter einer Minute, jedes Instrument oder jeglichen Musikstil hineinmischen, egal welchen. Du kannst machen was Du willst und einen Weg finden, wie es funktioniert. Das beantwortet auch die erste Frage. Das wichtigsten an Musik ist für mich Freiheit.

Warum wurde gerade der Name des Bibelcharakters Lazarus als Titel für das neue Album gewählt? Gibt es ein lyrisches Konzept hinter diesem Titel und den Texten der einzelnen Lieder?

Wir haben den Albumtitel aufgrund des Lazaurs-Phänomens gewählt, eine Krankheit die nach der Geschichte aus der Bibel benannt ist. Es ist eine Krankheit die bei Leuten auftritt, die eine Nahtoderfahrung hatten. Nachdem sie aus ihrem kurzzeitigen Tod zurückkommen, verändert sich ihr Bewusstsein und sie sind nicht mehr im Einklang mit der Welt um sie herum. Sie denken die Welt um sie herum hätte sich verändert. Der Hauptdarsteller der Geschichte auf dem Album fühlt etwas Ähnliches. Er reagiert sehr sensibel auf das was passiert. Er befindet sich auf dem Scheideweg seines Lebens und fühlt sich immer mehr von dem Unsinn der Gesellschaft angepisst.

Wie wichtig ist eigentlich das Albumcover für das Gesamtpaket? Vielleicht kannst Du etwas über das Artwork sprechen.

Ein stimmiges Gesamtpaket war schon immer wichtig für uns. Je länger wir dabei sein, desto mehr Mittel gibt uns das Label dafür. Deviant Current Signal kam mit einem einfachen Jewel Case. Amoeba hatte bereits ein Jewel Case mit Slipcase darum. Und dieses Mal haben wir eine Super Juwel Case mit Slipcase bekommen. Wir schenken der Sache auch immer mehr Aufmerksamkeit. Eine Band ist wie ein Mensch. Je älter er wird, desto erwachsener wird er auch. Wir wollten etwas das unsere Musik widerspiegelt und meiner Meinung nach haben wir das mit diesem Artwork geschafft. Es geht um die Komplexität von menschlichen Gedanken und was jenseits der Körpers geschieht.

Diskografie

Deviant Current Signal (2005)
Amoeba (2007)
Lazarus (2009)
Amoeba wurde von der Presse ziemlich gut aufgenommen, aber einige haben ein kleines Problem mit Lazarus. Oft wird geschrieben, dass die Band verkrampft klingt. Was denkst Du, woher kommt das?

Ich persönlich weiß es nicht, da wir uns sehr weiterentwickelt haben. Amoeba war gut, aber meiner Meinung nach ziemlich kalt. Es war mehr als wollten wir zeigen was wir können, während wir jetzt versuchen zu zeigen was wir sind. Wir können ja nicht nur ein gutes Echo bekommen. Aber einige konnten mit Amoeba nichts anfangen und mögen dafür Lazarus sehr. Es ist wohl alles eine Frage des persönlichen Geschmacks. Letztens kam nach einem Konzert ein Fan zu mir und sagte, dass er unser Debüt liebte, er ein wenig von Amoeba enttäuscht war und wir ihn mit Lazarus verloren haben. Ich kann das verstehen, da wir damals extremer waren, aber ich ziehe Songs von Lazarus zu spielen denen von Deviant Current Signal vor, da sie atmosphärischer sind und mehr zeigen wo wir uns jetzt befinden.

Die Songs auf Lazarus sind ziemlich komplex und nicht so einfach zu erfassen. Schreibst und arrangierst Du sie alleine oder ist es eine Gemeinschaftsarbeit der ganzen Band?

Ich komponiere die Musik alleine, mache eine vage Vorproduktion und gebe das Material dann der Band. Es ist gut so, da sie einen anderen Blick auf die Musik haben, während ich nicht objektiv bin. So kann ich auf sie hören und wir arrangieren es zusammen neu. Ich mag es, stundenlang in meiner Wohnung allein an dem Material zu arbeiten und der Sache danach zusammen mit den anderen eine neue Dimension zu verleihen. Hacride ist eine Band aus vier Personen. Die Arbeit eines jeden einzelnen ist sehr wichtig und ich denke, das ist der Grund warum sich die Besetzung nie verändert hat.

Lazarus hat einen ziemlich großen und massiven Sound. Ist es euch möglich diese Power auch auf die Bühne zu bringen?

Ich kann das selbst schlecht beurteilen. Erstens erlebe ich das Ganze nicht aus dem Publikum heraus und zweitens wäre ich sicherlich auf die eine Art und Weise auch nicht objektiv. Momentan sieht es danach aus, dass es die Leute so mögen wie es ist. Ich lade Dich hiermit auf ein Konzert von uns ein, um Dich selbst davon zu überzeugen. Eine gute Sache ist, dass wir fast immer unseren Studiotechniker dabei haben, der unseren Livesound macht. Er kennt uns von Grund auf, das hilft sehr. Wir haben auch unseren eigenen Lichttechniker dabei und sogar einen Videotechniker der Videos live zusammen mischt während wir spielen. Aber das auch nur, wenn uns danach ist und er nicht damit beschäftigt ist einen Film oder ähnliches zu drehen. Er ist der Typ der den Videoclip für „Perturbed“ gedreht hat.

Wenn Du mich schon einlädst, kann man euch in der nahen Zukunft auch in Deutschland auf der Bühne sehen?

Wir kommen gerade von drei Konzerten in Deutschland zurück. Wir spielten auf dem Legacy Festival, in Leipzig und in Köln. Es wir wirklich toll und wir versuchen vor Jahresende noch einmal zu euch zurück zu kommen.

Frankreich war in der Vergangenheit nicht gerade für härtere Klänge bekannt, wenn man Treponem Pal oder besonders Trust einmal ausnimmt. Aber mittlerweile gibt es aufstrebende Bands wie euch, Gojira oder Scarve. Ist das eine Art neuer französischer Sound, hart und komplex?

Ich denke, ich kann hier mit ja antworten. Es war für Metalbands in Frankreich schwer, da man keine wirkliche Anerkennung bekam, außer man hieß Trust. Es wird jetzt besser. Aber es ist immer noch so, dass 90 % der Bevölkerung keinen Unterschied zwischen Metal, Gothic, Punk, Hardcore oder was auch immer machen. Es sind einfach Leute mit langen Haaren, die ein bisschen verrückt im Kopf sind. Deswegen ist es wohl auch schwer irgendwo spielen zu können, da es keine wirkliche Professionalisierung auf Metal gibt. Eine andere Sache ist, dass es vorher so aussah, dass die Franzosen diese Art von Bands gar nicht unterstützen wollen. Mittlerweile ist das anders. Frankreich wird immer stolzer auf Bands wie Gojira und uns und man kann wirklich fühlen, dass sie glauben, dass wir es schaffen können. Es hilft sehr, diese Unterstützung von zu Hause zu haben. Es gibt immer mehr Bands die von hier kommen, die sehr gut sind, mit einem guten Sound und einem speziellen Stil. Meiner Meinung nach wäre das vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen.

Welchen Status habt ihr selbst in der französischen Szene?

Ich weiß es nicht genau. Es wird irgendwie besser, seitdem wir das erste Mal auf einem Magazincover hier in Frankreich waren. Aber wir sind noch keine großen Rockstars wie Gojira. (lacht) Wir sehen immer mehr Leute die uns folgen, die gleichen Leute die immer wieder zu verschiedenen Auftritten im gleichen Monat kommen. Das ist ein gutes Zeichen. Ich glaube das bedeutet, dass sie unsere Musik, und das was versuchen auszudrücken, verstehen. Wie auch immer, wir sprechen darüber und wir möchten lieber die neuen King Crimson, als die neuen Metallica sein, niemals die großen Stadien füllen, aber eine loyale Gefolgschaft überall haben. Das ist unser Traum.

Welche Pläne gibt es für Hacride in nächster Zeit?

Du meinst außer die neuen King Crimson zu werden? (lacht) Wir werden vor dem Sommer die ersten Auftritte für „Lazarus“ gespielt haben. Überwiegend in Frankreich, aber auch, wie gesagt, in Deuschland, Belgien und Holland. Wir warten darauf, uns auf eine Europatour einklinken zu können. Bis dahin spielen wir auch auf dem Hellfest, was demnächst angekündigt werden wird. Im Oktober und November ist eine Tour in Frankreich geplant, auf der wir auch in der Schweiz und in Belgien spielen. Da es nicht so weit ist, versuchen wir auch in Deutschland zu spielen. Oh, und auch auf dem Progpower Europe in Holland wird man uns ebenso sehen können, für die Leute die Prog-Sounds mögen. Ich denke das ist es fürs erste, nur Konzerte. Wir müssen die Lazarus-Songs oft spielen, bevor sie uns ermüden und wir den nächsten Schritt machen wollen. (lacht)

Mario Karl


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