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180 Jahre Texas vor vollen Reihen - ZZ TOP eröffnen das Citadel Festival 2009

Info

Künstler: ZZ Top

Zeit: 29.05.2009

Ort: Zitadelle, Spandau

Veranstalter: MLK

Es war ein Auftakt nach Maß. Gleich beim ersten Konzert des diesjährigen Citadel Festivals brauchten die Kassen gar nicht mehr zu öffnen. Dafür zückten hoffnungsvolle Besucher, die sich auf gut Glück den langen Schlangen näherten, schnell die Portemonaies, wenn ein fliegender Händler die erlösende Frage „Brauchen sie noch Karten?“ stellte.
Dabei spielte das Wetter nicht so perfekt mit wie im Vorjahr. Immerhin: Während Spandau am Vortag noch von scharfen Hagelschauern heimgesucht wurde, war es nun trocken und die Sonne schien. Aber die kalte Luft trieb die Wartenden an dem windigen Freitagabend schnell in die Jacken.
„Warten“ war überhaupt das große Stichwort. „Beginn 18.30“ war auf der Festival-Homepage zu lesen. Aber war man von der Security endlich auf das Festivalgelände im Inneren der mittelalterlichen Festung gelassen worden, passierte erst einmal gar nichts. Auf der Bühne war nichts zu sehen außer abgedeckten Instrumenten und einen bekopfhörerten Mann, der offensichtlich für die Beschallung zuständig war, die zugegebenermaßen geschmackvoll und zum Kommenden passend zusammengestellt war.
Das Festivalgelände verstärkte in seiner dezenten Neugestaltung die triste Zeit des Wartens noch zusätzlich. Statt des zertretenen Rasens mit seinen vielen kahlen Stellen, der das ganze Jahr über zur Zitadelle gehört, hat man in diesem Jahr den gesamten Bereich zwischen Bühne und Fressbuden mit einem steinigen, grauen Granulat aufgeschüttet. An Regentagen mag das seine Vorteile haben; generell nimmt es dem Ort aber einiges von seinem besonderen Charme. Schade!

Nachdem eine gute Stunde lang nichts weiter passiert war, erschienen kurz vor Acht einige Gestalten auf der Bühne, die seelenruhig die Planen vom Schlagzeug und zwei Blocks á acht roten Amps entfernten. Offenbar lag der Beginn acht Uhr voll in der Planung - und man fragte sich, warum das so nicht auf der Homepage stand.
Kurz nach acht schlenderte Frank Beard zum Schlagzeug. Dusty Hill (Bass) und Billy Gibbons (Gitarre) erschienen mit Äxten im Partnerlook auf der Bühne, und ZZ Top gingen mit „Under Pressure“ sofort in die Vollen.
Die Bühne war spartanisch. Außer dem bereits genannten Instrumentarium gab es nur noch die beiden massiven Mikroständer, die man auch aus dem Live-Video Live from Texas kennt (Review im MAS-Archiv) und einen sehr grobpixeligen Screen, der die gesamte Bühnenrückseite bedeckte. Die darauf abgespielten Filmchen lenkten allerdings oft mehr vom Geschehen ab, als dass sie es unterstützt hätten. Am besten kam die Atmosphäre, wenn die Nebelmaschine lief und den Bühneraum mit verschieden farbig angestrahlten Wolken füllte, in und vor denen die drei Texaner agierten.

Das Konzertprogramm hatte insgesamt eine ziemlich deutliche Dreiteilung: zu Beginn frühe Klassiker, dann trockene Blues-Rocker und Coverversionen; zum Schluss der Endspurt. Nach „Under Pressure“ und „Waiting for the Bus“ folgte zwischen „Jesus just left Chicago“ und „I'm bad I'm nationwide“ mit „Pincushion“ das meines Wissns nach jüngste Stück im Programm.
Im Blues-Teil konnte ich nicht alles Gespielte identifizieren. Es war wohl „I need you tonight“ dabei. Der „Low down Blues“ von Muddy Waters wurde gennant. Abgeschlossen wurde dieser Teil von Jimi Hendrix' „Foxy Lady“. Zur rockenden Auflockerung war außerdem noch der Überflieger „Cheap Sunglasses“ mitten in diesen Teil eingebaut. Mehrfach übernahm Dusty den Gesang. Neben dessen klarer, überraschend jugendlicher Stimme, wirkte Billy je länger der Abend lief, immer mehr wie ein wirklich alter Mann. Da waren deutliche Konditionsunterschiede zu bemerken.
Bis hierhin hatte sich das Publikum mit seinen Reaktionen auf kurze „Ich-weiß-was-jetzt-kommt“-Ahas und braves Klatschen am Ende beschränkt. Ein erster Ruck ging durch die Menge, als mit „Heard it on the X“ eines der heftigsten Stücke der Band an den Start ging. Nachdem die beiden Partnerlook-Gitarren in den Kulissen verschwunden waren, schloss Dusty auf einem neuen Sechssaiter an dieses reinigende akustische Gewitter ein recht heftiges Gitarrensolo an, das zu „Just got paid today“ überleitete. Die Soloparts, in die dann auch Bass und Schlagzeug eingebunden wurden, kamen eher stimmungstötend rüber. Das war aber schnell überwunden, als die Band in den Schluss-Dreier einstieg. „Gime some Lovin'“, „Sharp dressed Man“ und „Legs“ weckten auch den letzten Besucher auf. Und natürlich wurde das finale Stück auf den berühmten Plüsch-Gitarren gespielt. Nur den Propeller ließen die beiden alten Herren ebenso fort, wie die meisten der Tanzeinlagen, die bereits im o.g. Live-Video etwas tapsig gewirkt hatten.

Um 21.15 Uhr kamen ZZ Top nach kurzer Wartezeit zum Zugaben-Sahnehäubchen auf die Bühne zurück. Der „Tube Snake Boogie“ und dann vor allem „La Grange“ und natürlich „Tush“ zauberten ein seliges Grinsen auf die Gesichter - und sollte sich irgendwer gefragt haben, ob 50 Euro zu viel für den Abend waren, waren diese Fragen zumindest in diesen Minuten verflogen. Selbst die oft wenig transparente grummelige Abmischung schien niemanden zu stören.
Bedauerlich war im Schlussteil und bei den Videos zu den drei letzten Tracks des regulären Sets, dann dich die grobpixelige Leinwand, auf der man die Bilder nur dann erkennen konnte, wenn man sie eh bereits kannte. Und die zum Teil uralten Fotos von ZZ Top, die bei „Tush eingespielt wurden, und die berühmten Auto & Chicks-Videos aus den 80ern, wären eine bessere Optik wert gewesen

Um 21.30 war dann alles vorbei. Ziemlich knapp für ein Konzert ohne special guests, meinte ein etwas angeschlagener Gast mit erkennbar alkoholisierter Stimme. Nicht ganz zu Unrecht. Aber es war stellenweise doch schon recht deutlich zu merken, dass die drei Herren auf der Bühne ihre 60. Geburtstage allesamt hinter sich haben. Da lässt die Kondition nach. Und nicht nur die. Nicht jeder Lauf über die Drums kam so, wie er hätte kommen sollen. Das eine oder andere Riff stolperte und manch ein Break zerbrach den Fluss des Stückes mehr, als das es ihn verband. Insbesondere den ruhigen Passagen und den Improvisationen fehlte gelegentlich die Emotionalität, die sie hätte leben lassen.
Aber wer will bei ZZ Top Improvisationen oder technische Kabinettstückchen sehen? Das Publikum wollte Klassiker hören und abfeiern. Und die bekam es. Und ganz nebenbei: Die vornehme Zurückhaltung des eher mitwippenden, als abrockenden Publikums erinnerte daran, dass bei vielen der Anwesenden Daten in den Taufurkunden stehen, die nicht allzuweit von denen der Band entfernt liegen.
Es kommt den drei Herren zu Gute, dass ihr Programm überwiegend aus packenden, zeitlosen Kompositionen besteht, die aus sich selbst heraus leben. Und es war dem Trio anzumerken, dass es über beide Backen Spaß hatte, sich dem Berliner Publikum zu präsentieren. Und das übertrug sich schnell auf das Publikum und lies den Abend zu einer gelungenen Angelegenheit werden.

Norbert von Fransecky


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