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Ein britischer Klassiker aus amerikanischer Perspektive

Info

Autor: Martin Popoff

Titel: Rainbow – Zwischen Genie und Wahnsinn

Verlag: I.P.Verlag

ISBN: 978-3-931624-40-8

Preis: € 18,90

192 Seiten

Zwischen Genie und Wahnsinn ist eine wahre Fundgrube von Detailinformationen und persönlichen Meinungen der Musiker zur Geschichte von Rainbow. Von daher ist es zumindest für jeden Rainbow-Fan absolut unverzichtbar.

Vom Aufbau her ist das Buch eine intensive Verwertung diverser Interviews mit verschiedenen Rainbow-Musikern. 80 Prozent davon hat der Autor selber geführt. Die verbleibenden 20 Prozent stammen aus anderen Quellen. Bedauerlich ist, dass Popoff nur bei den Fremdinterviews die Entstehungszeit nachweist. Immer wieder hätte man auch bei den von ihm geführten Gesprächen gewusst, ob die gerade geäußerte Meinung im direkten Zusammenhang mit der Veröffentlichung eines Albums gestanden hat, oder ob es sich um eine Reflexion aus späterer Zeit handelt.

Bei allem Lob des Buches muss auch gesagt werden, dass es handwerklich schlecht gemacht ist. Das gilt zum einen für die Übersetzung. Franziska Schöttner bleibt nicht nur beim Satzbau oft tief im Englischen stecken. Auch viele englische Begriffe werden zwar nicht wirklich falsch übersetzt, aber mit Formulierungen wiedergegeben, die im Deutschen an den jeweiligen Stellen völlig ungebräuchlich sind und so im Lesefluss eher belustigend oder störend wirken.
Auch die Arbeit von Popoff selber ist ärgerlich. Er zerlegt die ihm vorliegenden Interviews und ordnet einzelne Gesprächspassagen den gerade besprochenen Alben, bzw. Titeln oder Touren zu. Dort baut er sie zusammen und fügt (kommentierende) Texte und Hintergrundinformationen bei. So weit, so gut. Leider lässt er ständig Dubletten im Text stehen, wenn ein Musiker eine fast identische Aussage in zwei verschiedenen Interviews gemacht hat. Auch das macht das Lesen unerfreulich und verleiht dem Buch einen unfertigen Eindruck.

Dennoch liefert Popoff so eine fast 200-seitige Wanderung, die sich Album für Album durch die wechselvollen Jahre einer der ganz großen Hard Rock Bands der 70er und 80er Jahre schlängelt. Als Fan hat Popoff auch ein Meinung zu der Musik, über die er schreibt. Und mit der hält er nicht zurück. Mich hat sie erst überrascht und dann auf die Überlegung gebracht, ob man Rainbow dies- und jenseits des großen Teichs wohl unterschiedlich beurteilt. Denn der Autor ist Kanadier.
Man kann die Geschichte von Rainbow grob in zwei Halbzeiten + Verlängerung einteilen; die frühen Jahre mit Ronnie James Dio (3 Studio- und 1 Live-Album), die Jahre mit Graham Bonnet und Joe Lynn Turner (4 Studio-Alben), sowie das Comeback-Album Strangers in uns all 1995.
In Europa dürfte das Urteil ziemlich eindeutig sein. Die Sternstunden von Rainbow liegen in der ersten Halbzeit. Die folgenden Alben werden von vielen Fans geschätzt, aber von ebenso vielen als poppige Anbiederung an den Mainstream abgelehnt. Die Meinung, dass Down to Earth oder Bend out of Shape das Debüt, oder gar Rising in den Schatten stellen könnten, muss man hierzulande wohl mit der Lupe suchen.
Natürlich lässt auch Popoff die frühen Alben hochleben, weißt aber deutlich öfter auf die grandiose Qualität insbesondere der Joe Lynn Turner Alben hin. Eine kommerzielle, bewusst auf die Charts abzielende Haltung, die in Europa für Kritik sorgt, ist für ihn ein durchaus positiv zu betrachtender Gesichtspunkt.
So glaubt er - und auch das meint er positiv, dass sich Rainbow, wenn es sie länger gegeben hätten, zu einer härtere Version von Foreigner und Journey hätten entwickeln können. Viele europäische Fans dürften bei einer solchen Vorstellung wohl eher froh sein, dass sich Rainbow noch rechtzeitig aufgelöst haben. Denn amerikanischer Hochglanz-Stadion-Rock ist nun nicht gerade das Ideal der europäischen Hard Rock- und Metal-Gemeinde.

Aber gerade dieser eigene Blick von Popoff provoziert dazu, die eigenen Meinung einmal von einer anderen Seite zu betrachten und gibt Zwischen Genie und Wahnsinn so noch einmal einen besonderen Reiz.

Norbert von Fransecky


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