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Artikel

Geist(reicher) Darkmetal

Preslitening Session mit der Kölner Dark-Metal band Geist

Album Galeere
VÖ: Anfang bis Mitte Mai 2009
Label: Prophecy
Ort des Listenings: Black Rose, Bielefeld
Datum: 24. Januar 2009

Das Prelistening zur neuen, insgesamt dritten CD der Bielefelder Black Metaller von Geist findet auf einem Samstag in der Bielefelder Kneipe Black Rose statt. Das Black Rose ist eine Rockerkneipe, somit passt der Veranstaltungsort schon ganz gut. Zuerst sitzen die geladen Gäste im vorderen Bereich beim Bierchen, dann geht es in den abgeteilten hinteren Bereich, wo eine gute Anlage aufgebaut wurde und einige Stuhlreihen davor stehen. Die Band hat sich richtig Mühe gegeben, den schreibenden Zuhörern wurde eine leere Weinflasche, auf der das neue Album Cover als Etikett klebt, auf den Stuhl gestellt. Am eingestöpselten Korken hängt eine auf alt getrimmte Papierrolle, die aufgerollt die Details zum Album nebst Texten offenbart. Eine wirklich schöne Idee, die perfekt in das maritime Konzept der neuen Scheibe passt (dazu später mehr). Nach einigen wenigen Einleitungsworten von Bandgründer und Leader Alboin drückt dieser auf die Playtaste und los geht’s.

Mit Echolotgeräuschen und raunender, tiefer Elektronik geht es los. Dieser tiefschwarze Strudel zieht einen in das Album hinein, bis dann die Gitarrenwände einsetzen. Diese sind ebenso mächtig wie im ersten Song “Galeere“ auch noch eher traditionell. Schon hier fällt jedoch der Unterschied im Gesang auf, die Vocals sind zwar tief und kratzig, jedoch artikuliert und verständlich. Allerdings, und das zieht durch das ganze Album hindurch, ist der Gesang ziemlich im Hintergrund. Später sagt mir einer der Jungs, dass dies wohl eher an der benutzten Anlage liege und der Gesang in der eigentlichen Produktion besser zu hören sei. Insgesamt fand ich es angenehm, dass die Gesangsspuren nicht so wie bei vielen anderen Genrebands sehr weit vorne sind und die Musik häufig dadurch zerschrieen wird, ein wenig weiter vorn dürfte es bei diesem Album aber gern sein. Warten wir das finale Produkt ab. Beim Hören der dunklen, ambienten Klänge und den darüber geschichteten Gitarrenwände, die zwar im Blackmetal verhaftet sind, muss ich immer an eine alte Gothtruppe denken, doch bisher fällt mir der Name nicht ein. In die schwermetallernen Riffs mischen sich immer wieder Klänge von Ambient oder auch mal akustische Gitarrentupfer. Die Songs spielen ineinander über durch die ambienten Soundscapes, die sich aus den wuchtigen Bass & Gitarrengemisch herausschälen und selbst dann das nächste Songkonstrukt vorgeben. Besonders schön gelingt dies am Ende des Albums, wo eine wundervolle Akustikgitarre die Harmonien der vorher metallisch schwarzen Gitarrenwände als zarte Melodie aufnimmt und somit die Grundschönheit des vorher übermächtig dunklen Songs offen legt. Man merkt, dass Geist zwar Blackmetal Riffs mögen und verwenden, doch eigentlich ganz anders sind. Wenn mir doch nur diese Gothrocktruppe einfallen würde. Ambiente Sounds, dunkel bohrender Gesang, metallische Gitarren und darüber eigentlich schon proggige Songstrukturen. „Galeere“ vereinigt prima diese Elemente und schafft so sicherlich nichts gänzlich Neues, fügt aber einem ausgetretenen Genre jede Menge hinzu und schwingt sich auf, in neue Regionen vorzudringen. Die fünf Stücke in Längen zwischen 8:26 und 15:26 ergeben im Grunde eine unruhige knappe Stunde voller Kälte und Angst auf hoher See. Die Atmosphäre ist dicht, man spürt förmlich den Regen oder die Kälte, man fühlt sich körperlich auf dem Boot stehend oder liegend, die Planken unter einem durch den Druck des Wassers knarren. Allerdings enthält das Album eben diese bereits angeschnittene Transparenz, man kann nicht nur Gitarrenwände bestaunen, nein, man kann die Melodie dahinter hören und man bekommt über akustische Instrumente und elektronische Spielereien eben tatsächlich Musik geboten. Widerspricht es sich, wenn ich sage, dieses Album erdrückt einen in seiner Dichte und seinem Sound, aber lässt einen andererseits durch seine Transparenz und Versponnenheit wieder weiter schwimmen, weil man die nächste Melodie, den nächsten Moment der Stille oder der Veränderung erleben will? Inzwischen ist mir auch wieder die Band und das Album eingefallen, bei dem es mir ähnlich ging. Es waren The Fields of the Nephelim mit ihrem Magnus Opus Elizium Anfang der Neunziger. Im Grund waren diese ja Wegbereiter für den progressiven und vielleicht auch für den Dark Metal? Musikhistorisch wahrscheinlich falsch, aber sie haben dazu beigetragen, dunkle Musik mit harten Riffs populär zu machen. Und die Musik und der Gesang von Galeere erinnert mich von Herangehensweise und Klang sehr an eben dieses Album. Und das ist im Grunde ja auch nicht die schlechteste Referenz

Nach dem Hören der neuen CD gab es auch noch Gelegenheit, mit der Band zu sprechen. Das gemachte Angebot, zu Einzelinterviews zu gehen, wurde jedoch nicht angenommen, da sich ein angenehmes Gespräch zwischen den Anwesenden und den Bandmitgliedern fast von selbst ergab. Schwerpunktmäßig wurde zunächst über die für Black Metalbands untypische Transparenz und Verspieltheit gesprochen. Diese, durch Genre untypische Instrumente wie Akkordeon, aber auch durch schon Ambient zu nennende Keyboard und Programming Sequenzen werden in erster Linie vom Bandneuling Faruk erzeugt. Wirken sie zunächst oft nur wie Übergänge, so stellt man doch bald fest, dass sie eigentlich auf ganzer Länge des Albums durchklingen. Auch die Band sieht diese Sequenzen nicht als Übergänge, sondern fast als eigene Songs, die für die Atmosphäre und Dichte unverzichtbar sind.
Songschreiber Alboin setzt sehr viel auf diese Atmosphären. Er weiß auch, dass dieses Merkmal Geist eigentlich schon aus dem Blackmetal Sektor herausnimmt. Wirklich traurig darüber ist er jedoch nicht. „Für uns sind zwei Dinge sehr wichtig“, sagt er. „Das eine ist, das alles atmosphärisch passt, das die Songs nicht einfach nur böse sind, sondern den Inhalt der Texte auch tatsächlich widerspiegeln. Schließlich schreibe ich die Texte nicht dafür, dass sie als unverständliches Gegrowle wiedergegeben werden. Das andere ist, dass wir auch eine hohe Transparenz im Klang haben, dass man die einzelnen Instrumente auch noch heraus hören kann. Zusätzlich möchten wir allerdings auch Songs im Studio schaffen, die wir auch genauso live darbieten können.“ Auf meine Frage zur Entstehung des Albums antwortet er, dass der erste Song bereits 2006 geschrieben wurde. Da er aber oftmals dann auch wieder längere Kreativpausen habe, entstanden weitere Songs erst 2007 und ein Großteil 2008, hier sogar in einer recht kurzen Zeitspanne. „Die Aufnahmen an sich“, erklärt Sänger Cypher D. Rex, „haben nicht mal 10 Tage gedauert. Dies funktionierte aber auch nur deshalb, weil die Songs schon fast fertig vorbereitet waren“. „Im Studio haben wir dann nur noch Nuancen verändert“, sagt Alboin, „und haben Dinge, bei denen unser Produzent Markus Stock sagte, dass dies so nicht funktioniert. Es ist auch gut, dass man dann noch mal eine außenstehende Meinung bekommt. Und Markus hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir in der recht kurzen Zeit tatsächlich das gewünschte Ergebnis erzielen konnten.“
Auf meine Frage, wie seine Songs entstehen, antwortet er: “Das ist unterschiedlich. Allerdings entsteht die Musik immer zuerst. Mal kommt eine Idee, die ich dann weiterbearbeite oder manchmal entstehen Dinge auch beim Rumprobieren. Die Texte kommen meist viel später, plötzlich habe ich eine Idee und erstaunlicherweise passt sie meistens auch sehr gut auf ein bestehendes Stück Musik.“ Natürlich schließt sich dem gleich die Frage an, ob das neue Album ein Konzeptalbum sei. Schließlich wirkt es wie ein durchgehender Song und auch die Titel haben allesamt, wie die Band sagt, maritime Bezüge. Bestärkt wird dies durch die oben erwähnten Soundsamples von Echoloten, Stürmen, knarrenden Holzboten oder einfach nur der Klang rauschenden Wassers. „Allerdings“, so Alboin, „handelt es sich wenn überhaupt nur um ein sprachliches Konzept. Die einzelnen Songs sind, ob Ihr es glaubt oder nicht, zumeist sehr persönlich und die fünf Stücke erhalten keine zusammenhängende Geschichte. Allerdings kam irgendwann jemand, ich glaube es war unser Sänger, und sagte, Menschenskind, die Texte haben alle Bezüge zur Seefahrt, zum Meer oder ähnlichen. Das konnte ich dann natürlich auch auf einmal sehen, und so entstand das Konzept für die Sprache und die Soundkulisse wie von allein.“ Ob es denn schwierig für ihn sei, fremde Texte eins zu eins rüberzubringen, frage ich Cypher D. Rex. „Nein“, antwortet dieser, „Ich kann mich immer sehr gut in die Texte hineinversetzen, deshalb versuche ich ja auch, dass ich sie bei aller Blackmetal Stilistik trotzdem verständlich und überzeugend rüber zu bringen. Ich denke, das grenzt uns auch vor vielen anderen Bands der Szene deutlich ab. “Ansonsten bräuchte ich mir ja auch gar nicht die Mühe für ordentliche Texte machen und könnte irgendeinen Müll schreiben“, flachst Alboin. Auf die Frage, ob er den Gesang denn vorgeben würde kommt ein scharfes „Nein, natürlich nicht!“ Das wäre auch gar nicht nötig, denn der Sänger würde es eigentlich immer auf Anhieb treffen.

Auch Konzerte sind geplant. Jedoch wolle man nicht, auch wenn das neue Album sich dafür anbieten würde, dieses am Stück präsentieren. Man möchte alte Songs stimmig einpassen in das neue Material. Da alle Bandmitglieder nebenbei noch berufstätig sind, wird es jedoch nicht so viele Konzerte geben. „Allerdings tun wir dies nicht nur deswegen“, so Sänger Cypher D. Rex, „sondern auch, weil für uns Konzerte immer etwas besonderes sein sollen und natürlich auch für unsere Fans. Wir wollen da nicht in eine Routine reinfallen. Allerdings gibt es diesmal durchaus eine große Änderung zu früheren Shows. Bisher haben wir selbst als Headliner nur maximal 40 Minuten gespielt, und zwar weil wir es so wollten. Nun werden wir bei den kommenden Shows sicherlich bis zu zwei Stunden auf der Bühne sein, das verlangen schon die neuen Songs von uns.“ Auf einen Einwand hin, dass es doch recht schwierig sei, das Publikum mit einem Brocken von 15 Minuten wie „Unter toten Kapitänen“ zu packen entgegnet er: “Das sehe ich nicht so. Das passiert, wenn der Song nur stumpf vor sich hin donnert. Aber gerade „Unter toten Kapitänen“ hat so viele Feinheiten und Nuancen drin, dabei noch der treibende Bass, das sollte auch live funktionieren.“
Man merkt der Band an, dass sie stolz auf ihr Werk ist, aber auch, das sie weiß, dass es immer etwas zu verbessern gibt. „Wenn das mal nicht mehr der Fall sein sollte“, sagt Songwriter Alboin, „dann hätte ich ja auch keinen Antrieb mehr, etwas Neues zu machen.“

Das Album soll wahrscheinlich im Mai dieses Jahres auf Lupus Lounge / Prophecy veröffentlicht werden. Und man sollte es sich vormerken, denn es setzt wirklich neue Standards im Black Metal und gibt diesen doch ziemlich eingefahrenen Sound neue Impulse. Möglicherweise ist es natürlich auch der erste Schritt von Geist, um in der Sprache der neuen Scheibe zu bleiben:“Auf, zu neuen Ufern!“

Wolfgang Kabsch


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