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Vom normalen Junkie zum verrückten Christen? Die neuen Wege des Ex-KORN-Gitarristen Brain Welch

Info

Autor: Brian „Head“ Welch

Titel: Rette mich vor mir selbst. Warum ich Gott fand und Korn hinschmiß

Verlag: Iron Pages, Berlin, 2008

ISBN: 978-3-931624-58-3

Preis: € 19,90

208 Seiten

Worum es in Rette mich vor mir selbst geht, sagt der Untertitel in aller Deutlichkeit: Warum ich Gott fand und Korn hinschmiß. In zwei Hauptteilen erzählt der ehemalige Korn Gitarrist Brian „Head“ Welch zuerst von seiner überlebensgroßen Karriere mit Korn und dann von seinem neuen Leben mit, bzw. auf der Suche nach Gott.

Die Qualität der beiden Teile ist durchaus unterschiedlich. Der erste Teil unterscheidet sich stark von üblichen Rock-Biographien. Natürlich berichtet Welch von den Tourneen mit Korn, den Alben, den Chartsplatzierungen und den Zeiten im Studio. Sein Focus aber liegt darauf, was das mit ihm macht. Der massive Drogenkonsum, der oft - mal positiv, mal kritisch - eine wichtige Rolle in Rockbüchern spielt, bekommt hier noch einmal einen anderen Stellenwert. Er zerstört nicht nur das „normale“ Leben und die Familie des Stars. Er macht auch einen massiven Strich durch das Leben eines Rockers als solchem. Welch berichtet, dass er in den Sternstunden seiner Karriere so unter Drogen gestanden, dass er kaum etwas von dem miterlebt hat, was sich der außen Stehende als Glitzerwelt vorstellt.

Welch rannte nicht einmal blind durch dieses Schicksal. Er wusste genau, was ihm die Drogen antun, hatte aber nicht die Kraft ihnen auf Dauer zu widerstehen.
Am bedrückendsten dabei ist die Tatsache, dass Welch dieses Leben nicht verteufelt, sondern es mit einem großen Maß an Reflexion und auch Trauer über sein Ende betrachtet.
Gelegentlich wird die Mötley Crüe-Biographie The Dirt als schonungslos ehrliche Darstellung eines hemmungslosen Rockerlebens betrachtet. Im Vergleich mit Rette mich vor mir selbst wird der Band zum prahlerischen Schulhofgeschwätz pubertierender Kids, die auch noch stolz auf den Mist sind, den sie sich und anderen angetan haben.

Eine Szene, die zum endgültigen Bruch mit seinem bisherigen Leben geführt hat, schildert Welch im „Prolog“. Er bekommt mit, wie seine Tochter, die mit ihm (auch im Tour-Alltag) zusammen leben muss, weil die ebenfalls drogensüchtige Mutter dazu völlig unfähig und unwillig ist, ein Lied vor sich hin summt, das ihm bekannt vorkommt. Es braucht einen Moment bis er merkt, dass es der Korn-Titel „A.D.I.D.A.S“ ist, dessen Refrain sinngemäß übersetzt „Ich denke den ganzen Tag nur an Sex.“ lautet. Diese Worte, die dem bewusst provokanten hedonistischen Rock’n’Roll-Lifestyle natürlich 100%ig entsprechen, aus dem Mund der Fünfjährigen zu hören erschüttern ihn zutiefst.
Welche reale Wirkung Rocktexte, die ja oft bagatellisiert werden, weil jeder wisse, dass sie nur Show sind, haben können, wird ihm auf einen Schlag deutlich. Und der Funke Verantwortungsgefühl, den er für seine Tochter empfindet, schlägt Flammen, die sich in einem langen mühsamen Prozess auf sein ganzes Leben ausbreiten. Diesen Kampf und die Rückschläge, die er dabei immer wieder einstecken muss, werden akribisch beschrieben.

Das endgültige Ende seines alten Lebens gipfelt in der Trennung von Korn. Danach widmet Welch sein Leben Gott und der Suche nach ihm. Er schildert Freunde, die ihm dabei geholfen haben, seine Suche in der Bibel und in unterschiedlichen christlichen Gemeinschaften - und später auch sein öffentliches Bekenntnis zu seiner jahrelangen Sucht, seine medienwirksame Taufe im Jordan und weiteres Engagement für seinen neuen Herren, Jesus Christus.
Dieser zweite Teil fällt qualitativ massiv ab. Welch fehlt hier jede kritische Distanz zu dem, was er erzählt. Die Begeisterung für Christus und für jede neue (noch etwas abgedrehtere) Aktion und Gemeinde lässt seine Erzählung streckenweise wie die Karikatur eines frommen Spinners erscheinen. Hier hätte ein moderierendes Lektorat gerade nach der guten ersten Hälfte stärker eingreifen müssen.

Der erste Teil regt zum kritischen Nachdenken über eine Musikszene an, die extremes (Fehl)Verhalten oft nicht nur toleriert, sondern zur Propagierung extremer Images ihrer Exponenten sogar noch fördert. Der zweite Teil dürfte viele Leser relativ schnell zu einem Kopf schüttelnden „Ich-wußte-ja-immer-schon-dass-Christen/Gläubige-spinnen“ verleiten.
Das ist schade und sicher auch nicht im Sinne Welchs.

Norbert von Fransecky


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