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Ein Buchhalter schreibt die Hagiographie von R.E.M., der wohl erfolgreichsten Alternative-Band aller Zeiten

Info

Autor: Tony Fletcher

Titel: Festgestellt – Die Story von R.E.M.

Verlag: Bosworth, Berlin 2007

ISBN: 978-3-86543-089-4

Preis: € 19,95

488 Seiten

Internet:
http://www.remhq.com

„Dieses Buch ist eine solide und sehr gut recherchierte klassische Rockbiographie.“ steht auf der Rückseite von Festgestellt. Das klingt so solide und aufregend wie eine deutsche Beamtenkarriere. Damit beschreibt dieser kleine Satz nicht nur das Buch, sondern auch die Karriere R.E.M.s mit höchster Präzision. Es sei denn man hält die Mötley Crüe-Bio The Dirt für den Prototyp der klassischen Rockbiogrpahie.

Mit Exzessen, gegenseitigen Vernichtungskämpfen, zerstörten Hotelzimmern, Drogen, Drogen und Drogen braucht man in Festgestellt nicht zu rechnen. Sieht man einmal von der Gründung eines Herrenclubs in der Ära vor R.E.M. ab, in dem Frauen nur als devote und unbekleidete Dienerinnen zugelassen waren, muss man sich durch mehr als 400 Seiten kämpfen bevor der erste (und einzige) Skandal der Bandgeschichte besprochen wird. Es handelt sich um ein „Saufgelage“, zu dessen Beginn Gitarrist Peter Buck während eines Transatlantikfluges drei(!) Glas kostenlosen Rotwein trank. Dabei wäre es wahrscheinlich auch geblieben, hätte Buck nicht zuvor zwei Schlaftabletten genommen, um während des zehnstündigen Fluges etwas Schlaf zu finden. Die Buck wohl nicht bekannte Wechselwirkung der verschreibungspflichtigen Tabletten, die ihm ein Bekannter vor dem Flug gegeben hatte, mit Alkohol führten dann wohl dazu, dass Buck weiter trank und im Flugzeug randalierte. Ein monatelanger Prozess in London endete mit einem klaren Freispruch.
Dass diese im Vergleich zu anderen Bands lächerliche Banalität nicht nur seitenlange Abhandlungen in der Biographie, sondern auch die Titelseiten diverser Zeitungen füllen konnte, macht einiges über das unspektakuläre Gehabe R.E.M.s deutlich.
Weitere Ereignisse in der immerhin über 25-jährigen Bandgeschichte, die im Umfeld der Band für Diskussionsstoff sorgten, waren der Wechsel der Plattenfirma, die Entlassung eines Managers, der Ausstieg des Drummers Bill Berry und der Abschluss eines der am besten dotierten Plattenverträge aller Zeiten. Die Trennungen waren zwar schmerzhaft, wurden aber sehr verantwortungsvoll und mit rücksichtsvollem Blick auf den jeweils anderen durchgeführt. Die Diskussion über den mit ca. 80 Millionen Dollar dotierten Plattenvertrag über fünf CDs, deren letzte in diesem Jahr (2008) erscheinen soll, drehte sich vor allem darum, ob eine Band wie R.E.M. ihre Glaubwürdigkeit behalten kann, wenn sie soviel Geld verdient.
Das diese Diskussion im R.E.M-Umfeld den Rand des Skandals streiften, macht vor allem eins deutlich, wie hoch die Band sich selber die moralische Latte für das eigene Verhalten gehängt hat. Verantwortungslose, arrogante Rockstars sind definitiv etwas anderes.

„Etwas anderes“ - damit sind wir bei dem Credo, das Tony Fletcher wie einen roten Faden durch die knapp 500 Seiten seines Wälzers webt. Eines der wichtigsten Motive für das Handeln der Band aus Georgia besteht in seinen Augen darin, bloß keine Erwartungen zu erfüllen. Was spätestens dann zur Quadratur des Kreises wird, wenn man sich den Ruf erworben hat, keine Erwartungen erfüllen zu wollen. Erfüllt man dann nicht gerade dann die Erwartungen, wenn man Erwatungen nicht erfüllt? Muss man dann also nicht Erwartungen erfüllen, um seinem Credo keine Erwartungen erfüllen zu wollen, gerecht zu werden? Wohl der Band, die sich mit derartigen Luxusproblemen herumschlagen muss.

Andere Problem, die für die Band bestehen, sind weltweite Probleme, wie Umwelt- und Klimaschutz. Dafür setzt sich die Band, insbesondere Sänger Michael Stipe, genauso ein wie für die Demokraten, bzw. gegen die konservativen Regierungen der USA. Nicht nur deshalb stellt Fletcher die Band immer wieder an die Seite von U2. Die Iren um Bono sind die einzige Band der letzten 25 Jahre, die er auch nur ansatzweise neben seinen Lieblingen duldet.

So schwankt Festgestellt ein wenig zwischen Hagiographie und buchhalterisch nüchterner Registrierung der Geschichte einer äußerst soliden, extrem erfolgreichen, aber seltsam spannungsfreien Karriere.

Norbert von Fransecky


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