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Artikel

Durchs Jahr ins Paradies - Fragen zum Zyklus freien, neuen Album von POOR GENETIC MATERIAL

Info

Gesprächspartner: Philipp Jaehne und Stefan Glomb

Zeit: September 2007

Interview: E-Mail

Stil: Prog / Art Rock

Internet:
http://www.poorgeneticmaterial.de

Während ich Paradise out of Time besprochen habe, das aktuelle Album der süddeutschen Proggies Poor genetic Material, sind mir eine Reihe von Fragen gekommen, die ich der Band - ganz modern, progressiv und elektronisch - vorgelegt habe. Die Antworten kamen von Sänger Philipp Jaehne, dem gewohnten Sprachrohr der Band. Unterstützt wurde er von Stefan Glomb (Gitarre). Zum Einsteig gab es ein Dankeschön von Phillip für die in der letzten Ausgabe erschienene Review.

PJ:
Habe ich mit großer Freude gesehen. Vielen Dank dafür. Da wir von den reinen Proggies ja wohl noch einiges an Prügel für dieses Album kriegen dürften, freut jede positive Besprechung umso mehr.

MAS:
Bevor wir zum Stilwechsel kommen, erst einmal eine Frage zur derzeitigen Situation. Den "Alt-Material"-Sampler `Free to Random´ ausgeklammert, bestand Euer Gesamtwerk bislang aus den vier Alben des Jahreszeiten-Zyklus, die seit 2001 in einem fast gleichmäßigen Zweijahres-Rhythmus erschienen sind.
Wie fühlt ihr Euch jetzt, wo ihr mit `Paradise out of Time´ ein erstes Album veröffentlicht habt, das nicht zu diesem Zyklus gehört?


SG:
Wir sind alle sehr zufrieden mit dem Ergebnis, weil wir etwas Neues anvisiert haben, das Ergebnis aus unserer Sicht aber genauso stimmig ist wie die alten Alben. Das Album trägt damit auch unseren eigenen Hörgewohnheiten Rechnung, weil keiner von uns sich von morgens bis abends nur mit Prog beschäftigt. Irgendwann bekommt man dann einfach Lust auch mal etwas anderes zu machen.

PJ:
Ich bin auf dieses Album enorm stolz, denn ich habe immer schon einen Heidenrespekt vor Leuten gehabt, die 4-Minuten-Songs schreiben können, die ins Ohr gehen, aber dennoch Substanz und etwas zu sagen haben. So habe ich mich schon gefragt, ob wir so etwas auch hinkriegen. Die Songs gingen dann aber enorm leicht von der Hand und sind im Ergebnis so, dass ich jetzt sage: "Hey, das hätte ich uns gar nicht zugetraut."

MAS:
Ist `Paradise out of Time´ für Euch einfach ein weiteres Album geworden, oder etwas qualitativ Neues, das einen erkennbaren Bruch mit dem Bisherigen darstellt?


SG:
Ein richtiger Bruch mit dem, was bisher unseren Stil ausgemacht hat, ist bei aller Neuorientierung dann doch nicht herausgekommen, wie sich bei näherem Hinhören zeigt. Das Album ist anders, aber es ist doch immer noch unverkennbar Poor genetic Material. Ganz kann man die eigene Haut eben doch nicht abstreifen.

PJ:
Es war aber enorm wichtig, dass wir bewusst Anderes versucht haben. Die Gefahr ist sonst groß, dass man in ein Fahrwasser gerät, in dem man sich irgendwann nur noch selbst kopiert.

MAS:
Das Album klingt in meinen Ohren sehr frisch und lebendig, als hättet ihr fast aufatmend ein Korsett abgestreift, auf das ihr euch selber festgelegt habt. Eine Überinterpretation?


PJ:
Ich denke schon eine gewisse Überinterpretation, denn so eng war der Rahmen ja nicht, der uns bei unseren Jahreszeiten Alben vorgegeben war. Das war ja nur eine sehr weit gefasst thematische und atmosphärische Orientierung.
Aber du hast insofern schon Recht, als dass wir jetzt Sachen machen konnten, auf die wir schon lange Lust hatten, die in die früheren Alben aber einfach nicht gepasst hätten.

SG:
Sowohl beim Schreiben der Stücke als auch bei den Aufnahmen ging es ausgesprochen entspannt zu. Vieles von dem, was auf dem Endergebnis zu hören ist, sind ‚first takes’ ohne Netz und doppelten Boden. Einiges hätte man sicher noch ausgefeilter hinbekommen können, aber da ging uns immer Atmosphäre vor absoluter Perfektion.

MAS:
Welche Themen sprecht ihr mit dem neuen Album an?


PJ:
Der Albumtitel ist hier wirklich Überschrift und Grundthema: Paradiesische Zustände in unterschiedlichen Situationen, aus unterschiedlichen Perspektiven. Teils sehr traurig, wenn es um Nicht-Festhaltbares oder Verpasstes geht ("Beauty Passing", "Holy Ground"), teils mit Hoffnung in Situationen, die auf den ersten Blick tiefschwarz wirken ("Out of Time", "Starlightbound"). Schließlich macht "My other Life" seinen Frieden mit dem, was nicht ist, was man nie erreichen wird.

MAS:
Wenn ihr auf den Zyklus zurückschaut, hat er sich so entwickelt, wie ihr ihn vorausgeplant habt, oder haben sich in den Jahren Entwicklungen ergeben, die euch selber überrascht haben?


SG:
Eher Letzteres; soviel Planung, wie man beim Hören vielleicht meint, steckt gar nicht dahinter, weil vieles einfach passiert, wenn die Wellenlänge zwischen den Musikern stimmt. Da wird nicht erst groß was am Reißbrett entworfen, sondern wir schaffen es eigentlich immer wieder, uns selbst zu überraschen.

MAS:
Gab es musikalische und textliche Schwerpunkte, die ihr von vorneherein für die einzelnen Jahreszeiten eingeplant habt?


SG:
Das hat sich im Verlauf eher von selbst ergeben. Die einzelnen Jahreszeiten waren eher eine Art Fokus, der die musikalischen und textlichen Ideen eine zeitlang geordnet hat.

PJ:
Die Idee der Jahreszeiten liefert ja kein Konzept, wie es eine klare Story tut. Hier geht es eher um Assoziationen und Stimmungen, die man mit der jeweiligen Jahreszeit verbindet.

MAS:
Was waren die einschneidensten Veränderungen in dieser Zeit?
Es hat zwei Besetzungswechsel gegeben. Nach dem Sommer, dem ersten Album des Zyklus, habt ihr euch mit dem Bassisten Dennis Sturm zum Quintett verstärkt. Und nach dem Winter hat Dominik Steinbacher Ludwig Benedek an den Drums ersetzt.


SG: Das waren wirklich einschneidende Veränderungen, weil Dennis ein Ausnahmebassist ist, ohne den unsere Musik nicht die wäre, die sie ist.
Der Wechsel von Ludwig zu Dominik hatte eher organisatorische als musikalische Gründe. Ludwig hat den Stücken seine eigene Note gegeben und gehört deshalb irgendwie immer noch dazu. Dominik ist wie Dennis ein unglaublich guter Musiker, der mit den verstiegensten Ideen fertig wird und aus dem, was wir gerade machen, gar nicht mehr wegzudenken ist. Wir sind jetzt ein Team aus einem Guss.

MAS:
Wenn ich eure Alben - inklusive 'Free to Random' - richtig im Ohr habe, habt ihr eine Entwicklung vom New Art Rock zu einem melodischen Prog (Rock) vollzogen. Siehst du das ähnlich? War das geplant?


Diskografie

Free to Random (frühes Material, veröffentlicht 2005)

Summerland (2001)
Leap into Fall (2002)
Winter's Edge (2003)
Spring Tidings (2006)

Paradise out of Time (2007)

PJ:
Ich würde es zunächst viel einfacher sagen: von Summerland bis Spring Tidings sind wir schlicht von Album zu Album besser geworden. Ob wir dabei Genre-Grenzen überschritten haben, weiß ich nicht, aber was die spielerische und Produktionstechnische Umsetzung unserer Ideen betrifft, gab es definitiv von Album zu Album einen Fortschritt. Ich würde diesen sogar zum neuen Album Paradise out of Time sehen. Es ist natürlich schwer vergleichbar, aber was das eigentliche Songwriting betrifft, waren wir sicher nie besser.

SG:
Die genauen Genre-Zuordnungen sind nicht immer ganz leicht nachzuvollziehen. Das melodische und atmosphärische Element war eigentlich schon immer unser Markenzeichen. Virtuoses Gefrickel, das die Welt über unsere spielerischen Fähigkeiten in Erstaunen versetzt, war noch nie unser Ding.

MAS:
Welche Rolle spielt für euch 'Free to Random'? In den Anzeigen, in denen zurzeit euer Backkatalog angepriesen wird, fehlt das Album.


SG:
Das Album liegt uns sehr am Herzen, weil es dokumentiert, wie es bei uns am Anfang ausgesehen hat. Es ist aber vergleichsweise schwierige Kost, auf die sich nicht jeder einlassen möchte. Die volle Wirkung entfaltet sich wohl erst bei Vollmond und Kerzenschein.

MAS:
Was ist von euch in Zukunft zu erwarten? Eine Fortsetzung von 'Paradise out of Time'? Ein neuer Zyklus? Viele, viele unabhängige Alben?


SG:
Auf jeden Fall noch eine Menge! Was die längerfristige Planung angeht, wissen wir selbst noch nicht, was kommen wird.
Das nächste Projekt - ein durchweg proggiges Konzept-Doppelalbum - ist zu mehr als der Hälfte schon eingespielt und soll Ende nächsten Jahres heraus kommen. Das Konzept ist diesmal enger gefasst und wird die Texte stärker bestimmen als bisher. Bei der Musik gibt es neben Wiedererkennungseffekten auch eine ganze Menge neuer Facetten.

PJ:
Im Grunde haben wir bislang ja in drei unterschiedliche Richtungen gearbeitet: die Ambient-Sachen von Free to Random, den Prog der Seasons und die kürzeren, aber immer noch im Art-Rock verwurzelten Stücke von Paradise out of Time. Das Konzept-Doppelalbum gibt uns die Möglichkeit, diese drei miteinander zu verbinden und dabei auch noch Neues auszuprobieren.

MAS:
Ganz herzlichen Dank für das Gespräch. Wir erwarten gespannt, was da noch auf uns zukommt.


PJ:
Haben wir gerne gemacht. Es waren interessante Fragen und es hat Spaß gemacht, sich damit zu beschäftigen. Ich hoffe, es ist jetzt nicht zu lang geworden.

Norbert von Fransecky


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