····· Cryptex-Gitarrist André Mertens steigt zum Mitautor auf ····· Die italienische Natur und ein Friedhof um die Ecke bescheren uns Deadsmoke ····· Backtrack meinen’s nicht gut mit ihrer Umwelt ····· Musik machen können die Planetshakers - aber wirken sie auch Wunder? ····· Carlos Santana sieht den Blues bei Tommy Castro „in guter Hand“  ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Artikel

„Wie alt bist Du eigentlich?“ - So ehrlich, wie möglich, kämpft Anthrax-Gitarrist Scott Ian in seiner Biographie um seinen Leumund

Info

Autor: Scott Ian mit Jon Wiederhorn

Titel: I’m the Man. Die Geschichte dieses Typen von Anthrax

Verlag: Thrash Metal

ISBN: Verlag Nicole Schmenk

Preis: € 978-3-943022-28-5

19,90 Seiten

Internet:
304

Viele New York Touristen kennen Jamaica als Umsteigepunkt, an dem sie die vom JFK Airport kommende Flughafenbahn verlassen, um in die U-Bahn zu steigen, die sie nach Manhattan – oder wohin auch immer – bringt. Nach der Lektüre von I’m the Man wird man hier wohl unwillkürlich den Kopf drehen, um zu sehen, ob man nicht irgendwo das Gebäude erkennen kann, in dem Anthrax seinerzeit geprobt haben. Denn hier in Queens ist der Dreh- und Angelpunkt der Anfangsjahre der Nummer 4 der Big Four des Thrash Metal, der einem nach der Lektüre der ersten Hälfte von I’m the Man vertraut vorkommt, wie ein Ort der eigenen Vergangenheit.

I’m the Man ist aus verschiedenen Gründen eine ungewöhnliche Musikerbiographie. Zum einen liest sich der 300seitige Band fesselnd und spannend wie ein Roman. Möglicherweise liegt das daran, dass sich der Musiker Scott Ian von dem Journalisten Jon Wiederhorn hat unterstützen lassen.

Aber es ist auch die Art und Weise, wie Ian an seine Geschichte herangeht. I’m the Man ist fast so etwas wie ein Antipode zu der Mötley Crüe-Biographie The Dirt. Während die Glam-Metaller, deren Bio passenderweise eine Whiskey-Flasche als Titelbild ziert, keine Gelegenheit auslassen sich das Image der ausschweifenden Rock-Stars zu verpassen, distanziert sich Scott Ian ausdrücklich von einem derartigen Leben. Im Gegenteil: Er beschreibt sich selber als einen eher pflichtbewussten Menschen, was er wiederholt auf seine Erziehung in einer jüdischen Familie zurückführt. Dass das so ganz nicht stimmen kann, machen diverse Exzess-Geschichten deutlich, in denen Alkohol, Drogen, Sex und Fäkalien bestimmende Rollen spielen. Aber letztlich distanziert sich der heutige Ehemann und Vater immer wieder davon, erklärt sie als vergangen oder als aus der Situation heraus zu verstehen - und keinesweg als Exzesse, auf die man stolz sein könnte.

Ian kämpft in seinem Buch geradezu um seinen Ruf. Besagte Exzesse spielen dabei allerdings nur eine Nebenrolle – zu Recht. Sie sind wenig mehr als Begleiterscheinungen des Lifestyles einer bestimmten Szene. Entscheidender sind sein Umgang mit seinen Bandkollegen und seinen beiden ersten Frauen. Die Scheidungen und Trennungen haben erkennbar Narben hinterlassen. Ian achtet streng darauf hier nicht mit Dreck um sich zu werfen. Die (Mit)Schuld des jeweils anderen wird praktisch nicht erwähnt. Er weiß, dass er selber mit seinem Verhalten und dem Durchsetzen seiner Interessen Schuld an den Trennungen gehabt hat. Das verschweigt er nicht und er leidet erkennbar darunter, dass er seine Freunde und Patenrinnen verletzt hat.

Aber er gefällt sich auch nicht in der Rolle des reuigen Büßers. Während er seine Schuld bekennt, versucht er gleichzeitig Verständnis für sein Verhalten zu erreichen, indem er ausführlich erklärt, warum er sich in den Situationen so entschieden hat. Es gelingt ihm dabei (mit Hilfe Wiederhorns) bemerkenswert gut darzustellen, wie er sich recht und schlecht durch schwere Lebenssituationen hindurch manöveriert hat. Kein Held und kein böser Bube, sondern ein Mensch, der auch nur mit Wasser kocht, wie wir alle!


Ganz anders sieht es aus, wenn Scott Ian sich mit der Rolle der Plattenfirmen im Laufe der Bandkarriere beschäftigt. Auf Seite 274 zitiert er wie Hunter S. Smith das Musikgeschäft beschreibt. „Eine grausame und hirnlose Geldkloake, ein langer Korridor aus Plastik, in dem Diebe und Zuhälter tun und lassen, was sie wollen, und gute Menschen vor die Hunde gehen. Im Übrigen hat es auch eine negative Seite.“

Ich glaube, man sagt nichts Falsches, wenn man Anthrax als die kleinste Nummer der Big Four beschreibt. Folgt man Scott Ian in allem, was er in seiner Biographie schreibt, dann hat das seinen Grund einzig und allein darin, dass Plattenfirmen an mehreren Stellen der Bandgeschichte versagt haben – zum Teil unverschuldet, weil sie einfach Pleite gegangen sind; zum Teil tragisch, weil Unternehmens-entscheidungen getroffen wurden, die sich für Anthrax katastrophal auswirkten; und zum Teil auch schuldhaft, weil einfach falsche Entscheidungen getroffen wurden. Der Gedanke, dass das Material, das Anthrax geliefert haben, eventuell auch mal nicht so pralle war, um mit den anderen drei der Big Four, insbesondere natürlich Metallica, mitzuhalten, wird nicht einmal zwischen den Zeilen erkennbar.

Auf den Boden der Tataschen bringt sich Ian (bewusst oder unbewusst) immer wieder, wenn er seine Eltern ins Spiel bringt. „Wie alt bist Du eigentlich?“ werden sie mehrfach zitiert, wenn der Gitarrist mal wieder davon erzählen muss, dass er eine Situation ziemlich unsouverän vor den Baum gefahren hat. Erwachsenwerden ist halt schwer – und viele haben damit bis zu ihrem Abtreten aus diesem Leben zu tun. Scott Ian scheint zu diesen Menschen zu gehören. Dass er das in seiner Biographie erkennen lässt ehrt ihn und trägt dazu bei, dass sie sich fast wie ein Krimi lesen lässt. Respekt!!

Norbert von Fransecky


Zurück zur Artikelübersicht