····· Boersma Records suchen neue und gebrauchte Bands ····· Die Brandenburgischen Sommerkonzerte gehen in die 27. Runde ····· Der urbane Underground Tel Avivs hat Malox hervor gebracht ····· 10 Jahre nach dem Debüt pressen Lovex Staub zu Diamanten ····· Luxusprobleme im Hause Black Space Riders - zu viel Material für ein Doppelalbum auf Lager ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Artikel

Wenn der Milchmann zweimal klingelt: Symphonic Klezmer in Chemnitz

Info

Künstler: Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz & Kolsimcha

Zeit: 09.02.2017

Ort: Chemnitz, Stadthalle

Veranstalter: Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz

Fotograf: Olivier Truan

Internet:
http://www.theater-chemnitz.de
http://www.truan.org

Anno 2011 hatte die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz ein Experiment gewagt und sich mit der Klezmerformation Kolsimcha zusammengetan, um ein kurzerhand Symphonic Klezmer betiteltes Konzert auf die Beine zu stellen. Der Rezensent war damals anwesend und trotz einiger Abstimmungsschwierigkeiten sowohl vom Grundkonzept als auch von der konkreten Ausführung überzeugt – wer es genau wissen will, lese das Review vom 10. März 2011 auf www.crossover-agm.de nach –, während die Publikumsreaktionen mit „begeistert“ noch untertrieben bezeichnet wären. Ergo erschien es wünschenswert, dieses Experiment kein einmaliges bleiben zu lassen – stattdessen wurde eine Tradition begründet, die 2014 ein weiteres Symphonic-Klezmer-Konzert hervorbrachte und nun anno 2017 ein drittes.

Der Rezensent war 2014 nicht dabei, und für ihn fällt der Sprung von 2011 zu 2017 daher besonders groß aus. Gewiß, das Grundkonzept ist immer noch das gleiche: die Verschmelzung von Klezmer und orchestralen Klängen dergestalt, daß nicht die Probleme, sondern die Stärken beider Spielarten eine Verbindung eingehen. Aber damals war das noch mehr oder weniger Neuland, während sich mittlerweile alle Beteiligten viel besser aufeinander eingespielt haben. Das trifft auch auf die Programmplanungsfraktion zu, die 2011 noch ein reines Orchesterstück an den Beginn gesetzt hatte, diesmal aber von Anfang an ein eigenständiges Konzept zu fahren in der Lage ist: Kolsimcha-Chef und -Pianist Olivier Truan hat unlängst ein Ballett namens Tewje für das Baseler Ballett komponiert – ein Stück, das, wie leicht zu erkennen ist, auf der klassischen jüdischen Geschichte Tewje, der Milchmann basiert, die dem nichtjüdischen Publikum heutzutage am ehesten in Gestalt des Musicals Anatevka bzw. The Fiddler on the Roof geläufig ist, das anno 2009 ebenfalls von den Chemnitzer Theatern aufgeführt wurde. Neun Stücke aus Truans Tewje-Ballett bilden nun das Gerüst dieses Konzertes, ergänzt um fünf Instrumentalsoli und einige Kolsimcha-Stücke, von denen dem einen oder anderen Anwesenden das eine oder andere bekannt vorgekommen sein dürfte, denn sie hatten bereits anno 2011 in der Setlist gestanden.


Die neun Stücke entsprechen dabei keineswegs neun Ballett-Stücken – gleich der Opener etwa ist eine Tanzsuite aus verschiedenen Bestandteilen des Balletts, womit Truan eine klassische Tradition aufgreift (man erinnere sich etwa an die Rosenkavalier-Suite von Richard Strauss). Deren Beginn fällt mit entrückten Klarinetten- und Orchesterklängen noch gänzlich untänzerisch aus, und Truan steigt am Klavier mit vier Tönen ein, die man in ähnlicher Verarbeitung von Pink Floyds „Shine On You Crazy Diamond“ in bester Erinnerung hat. Aber das Tempo verschärft sich bald, Truan beweist zum ersten von vielen Malen an diesem Abend, dass er schöne cineastische Breitwandsounds komponieren kann. Posaunist Simon Girard entledigt sich schon nach dem ersten Tutti seines Jacketts und entwickelt sich fortan zum Zappelphilipp auf der Bühne, aber das tut seinem passgenauen Spiel keinen Abbruch, und auch alle anderen präsentieren sich auf der Höhe des Geschehens, allen voran Dirigent Felix Bender, dem der schwierige Part zufällt, das riesig besetzte Orchester und das Bandsextett zusammenzubringen. Immerhin hat auch er bereits Erfahrung damit, denn er hat bereits das 2014er Konzert geleitet. (2011 stand noch Kolsimcha-Flötist Ariel Zuckermann in Zweitfunktion als Dirigent vor dem Orchester) Und schon dieses erste Stück zeigt, dass auch blitzartige Lead-/Begleit-Wechsel zwischen Orchester und Band keine unüberwindlichen Schwierigkeiten darstellen, wenngleich der eine oder andere doch ein wenig holpert, u.a. gerade der Übergang in den speedigen Schlußpart. Aber ein Auftakt nach Maß ist mit diesem langen Stück trotzdem gelungen, und die folgenden Kompositionen zementieren das hohe Niveau mit diversen Aha-Effekten, etwa dem äußerst schwierigen Beschleunigungsmanagement im Intro der Tanzsuiten-Zugabe oder dem reinen Bandstück „A Bout de Souffle“, in dem Flötist Avichai Ornoy (Zuckermann ist nicht mit von der Partie – die beiden Flötisten spielen alternierend in den jeweiligen Konzertprogrammen) titelgemäß eigentlich „außer Atem“ kommen soll und dementsprechend riesige Mengen von Tönen in Höchstgeschwindigkeit zu spielen hat. „Pas de Trois“ und „Pas de Deux“setzen ruhigere Kontrapunkte, wobei die in letzterem gelegentlich eingestreuten harschen Ausbrüche zwar möglicherweise im Ballett strukturimmanente Bedeutung entfalten, in der reinen Konzertfassung aber etwas an den Haaren herbeigezogen wirken. Der erste Konzertteil endet mit dem Finale des ersten Ballettaktes, einem äußerst speedlastigen Bombaststück, in dem Klarinettist Michael Heitzler ein „Chattanooga Choo Choo“ ähnelndes Motiv zu spielen hat und das das Publikum äußerst wohlgestimmt in die Pause entläßt, zumal man spätestens bis dahin auch mitbekommen hat, dass sich auch die Tontechniker mittlerweile bestens auf die gebotene Mixtur und die Eigenheiten der Stadthalle eingestellt haben: Gab es 2011 doch noch das eine oder andere Balanceproblem, so hört man 2017 nahezu alles, was man hören muß.


Der zweite Teil fällt nicht ganz so begeisternd aus wie der erste – es schleichen sich ein paar mehr Unkonzentriertheiten ein (das eröffnende „Tänzel“ etwa klingt bisweilen etwas desorganisiert), und der Energietransport nimmt etwas geringere Ausmaße an. Dafür schaffen es die Musiker, „Intermezzo 2 – Jerusalem“ gleichzeitig locker und zurückhaltend klingen zu lassen (Konzertmeister Hartmut Schill spielt hier wieder wie schon 2011 ein Solo), und mit dem kurzen osteuropafolkigen Orchesterstück „Ukraine“ kehrt auch wieder mehr Leben ins Geschehen ein. Truan gönnt sich bei den Vorstellungen seiner Mitmusiker ebenso einige Bonmots („Der Zustand seines Instruments ist umgekehrt proportional zu seinen Fähigkeiten.“ – über Posaunist Girard) wie bei derjenigen des Dirigenten („2014 war er der Arnold Schwarzenegger der Dirigenten – jetzt ist er der Albert Einstein der Dirigenten“ ), bevor „Autostrada den regulären Gig abschließt, wobei das Gros des Stückes wieder diesen exakten, witzigen, unterhaltsamen, starken Klezmer-Orchester-Speed beinhaltet, für den diese Musikerkonstellation geschaffen scheint.


Wie schon 2011 erklatscht sich das begeisterte Publikum eine Reihe von Zugaben, zunächst „The Rod“ aus der Feder des Klarinettisten, der in diesem Stück allerdings selbst gar nicht so viel zu tun hat, aber dafür seinen Pianisten mächtig ins Schwitzen bringt, was Truan freilich mit der Routine des Könners meistert. Das für die genannte Kombination archetypisch wirkende „The Village“, eingeleitet durch ein Drumsolo Christoph Staudenmanns und überwiegend im treibenden Midtempo angesiedelt, markiert das Ende des eingeprobten Repertoires, aber da das Publikum noch immer keine Ruhe gibt, bekommt es die Zugabe der Tanzsuite aus dem ersten Konzertteil noch einmal vorgesetzt. Dann ist nach knapp drei Stunden Bruttospielzeit endgültig Schluß, und die Menschen ziehen zufrieden von dannen, wobei nicht wenige den Wunsch hegen werden, anno 2020 eine vierte Symphonic-Klezmer-Auflage serviert zu bekommen. Sowohl dieses Konzert als auch das identische am Vorabend sind übrigens restlos ausverkauft gewesen.

Roland Ludwig


Zurück zur Artikelübersicht