····· Nach 2 Millionen Single-Streams kommt Jaimi Faulkner mit neuem Album auf Tour ····· David Gilmour veröffentlicht Live-Aufnahmen, die er bei zwei Konzerten in Pompeii hat mitschneiden lassen ····· Zwischen Agitation und Japanologie erscheint die neue Prinz Chaos CD ····· Vielgleisig feiert Hellmut Hattler seinen 65sten ····· Jag Panzer sind zurück - erster Vorgeschmack mit Lyric-Video! ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Artikel

Go down, Moses: Michael Tippetts Oratorium A Child of our Time zum ersten Mal im Gewandhaus

Info

Künstler: Michael Tippett

Zeit: 03.02.2017

Ort: Leipzig, Gewandhaus, Großer Saal

Fotograf: Bundesarchiv

Internet:
www.gewandhausorchester.de

Die Gattung Oratorium, im Barock weit verbreitet, erfreute sich bei nachfolgenden Komponistengenerationen nur noch einer sehr überschaubaren Popularität, und die wenigen Werke, die noch entstanden, führten und führen zumeist ein gewisses Mauerblümchendasein. Einer der raren Gattungsbeiträge aus dem 20. Jahrhundert ist Michael Tippetts A Child of Our Time, dem Subgenre „weltliches Oratorium“ zugehörig, obwohl Fragen aus der religiösen Sparte in seinem Text durchaus eine zumindest periphere Rolle spielen. Den Anstoß zur Komposition gab Herschel Grynszpan, ein junger Jude, der aus Verzweiflung über gleichermaßen seine persönliche Lage wie die allgemeine Lage der Juden in Deutschland im November 1938 in Paris den deutschen Botschaftssekretär Ernst von Rath erschoß, was die Nationalsozialisten zum willkommenen Anlaß nahmen, die nächste Stufe in der Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben auszurufen und im Rahmen der sogenannten Reichskristallnacht die jüdische religiöse wie wirtschaftliche Infrastruktur entscheidend zu schwächen. Tippett nahm diese Geschehnisse als Anlaß für sein Oratorium, das er von 1939 bis 1941 sowohl komponierte als auch selbst textete – also zu einem Zeitpunkt, wo die nächste Stufe der Judenvernichtung, nämlich die Deportation in Arbeitslager, bereits lief, die letzte Stufe, nämlich die industrielle Vernichtung, aber noch nicht auf der Agenda stand. Allerdings „neutralisierte“ Tippett das Einzelschicksal Grynszpans und das Schicksal seines Volkes und kondensierte alles zu einer universalen Mahnung, auch mit Andersdenkenden menschlich umzugehen und nicht den Deckmantel der Religion über inhumanes Verhalten zu legen – eine Verallgemeinerung, die dem Werk gerade in der heutigen Zeit, wo die einen, die sich jahrzehntelang nicht ums Schicksal des Christentums geschert haben, dieses plötzlich verteidigen zu müssen glauben, während die anderen irrtümlich unter den Freiheitsbegriff auch die Freiheit, weitere Menschen mit in den Tod zu reißen, fassen, eine große, wenngleich in bestimmten Textaussagen auch durchaus diskussionswürdige Relevanz verleiht.

Ob es Zufall ist, daß die Programmplanungsfraktion des Gewandhauses das Werk gerade in einer solchen Zeit (die ja nicht erst gestern über uns hereingebrochen ist, sondern schon etliche Jahre andauert und daher durchaus mit den langfristigen Spielplankonzeptionen im heutigen Klassikbetrieb korrespondiert) auf den Plan setzt? Vielleicht, vielleicht auch nicht – jedenfalls sind die beiden Aufführungen Anfang Februar eingebunden in eine „englische Woche“, in der verschiedene Facetten des Musikschaffens der britischen Insel beleuchtet werden. Tippetts Oratorium erlebt dabei seine Erstaufführung im Gewandhaus, nicht aber seine Leipziger Erstaufführung – Ron-Dirk Entleutner und seine Amici Musicae hatten das Werk vor einigen Jahren auch schon mal auf ihren Pulten, aber der Rezensent hat dieses Konzert nicht erlebt und auch noch keine weiteren Aufführungen, so daß das zweite Gewandhauskonzert für ihn die erste Livebegegnung mit dem Werk darstellt.
Neben dem Gewandhausorchester unter der Stabführung von Stefan Asbury agiert an diesem Abend auch der von Gregor Meyer präparierte Gewandhauschor, der nicht wie sonst oft bei Chorsinfonik von der Orgelempore aus singt, sondern am hinteren Bühnenrand steht – das Orchester ist klein genug besetzt, daß alle auf der Bühne Platz finden. Die nächste Überraschung bildet allerdings der Fakt, daß die vier Solosänger nicht etwa vorn am Bühnenrand neben dem Dirigenten stehen, sondern mittig hinter dem Orchester, an drei Seiten von den Chorsängern umgeben. Welche Gründe zu dieser Aufstellung geführt haben, ist dem Rezensenten nicht bekannt – aber sie rächt sich: Zumindest von seinem Sitzplatz her ist Altistin Lilli Paasikivi schwer zu hören, da schon wenige Orchesterinstrumente ausreichen, um sie klanglich ins Abseits zu stellen, wie man bereits in Nr. 2, ihrer Antrittssolonummer, leidvoll bemerkt. Nur stellenweise kann man die schöne Stimme würdigen, was auch auf Tenor Andrew Staples zutrifft, der in Nr. 6 einen prima Klagegesang über einem hochinteressanten rhythmischen Unterbau erzeugt, aber im weiteren Verlauf des Oratoriums immer stärker überdeckt wird und sich kaum noch in Szene setzen kann. Bassist Derek Welton, ein Opernsänger aus dem Wagnerfach, hat solche Probleme kaum – seine Erzählerrolle hat Tippett allerdings zumeist auch nur dezent musikalisch untermalt, und so läßt sich die allerdings auch per se ziemlich eindrucksvolle Stimme problemlos vernehmen. Bleibt Sopranistin Golda Schultz, die sich auch im instrumentalen Dickicht bemerkbar machen kann und eine schöne, leicht gedeckte Stimme besitzt, mit der sie etwa die hohen Einsätze auf „How“ in Nr. 7 zumindest beim ersten Mal absolut exzellent meistert – nur ist sie nach Ansicht des Rezensenten fehlbesetzt: Daß auch sie aus dem Opernfach kommt, hört man ihr viel stärker an als Welton, das Vibrato ist nicht selten deutlich zu stark, und als Leadstimme eines der von Tippett verarbeiteten fünf Spirituals („Oh, by and by“, Nr. 25) ist sie stilistisch völlig deplaziert.



Als Haupttrumpf der Aufführung entpuppt sich der Gewandhauschor. Nach ein paar Wacklern in Nr. 1 stellt sich nämlich schnell die gewünschte Sicherheit und Homogenität ein – schon die Präzision im Schlußteil von Nr. 3 paßt, und so bleibt das dann auch bis zum Ende des Werkes. Ausdruckstechnisch bleiben über die ganze Spielzeit keinerlei Wünsche offen, weder im großen Spannungsbogen von der nur leichten Andüsterung in Nr. 1 bis zum hoffnungsvollen Finale in Nr. 30 noch in Detailfragen. Tippett verlangt eine hochtransparente Chorfuge wie in Nr. 5? Kein Problem. Exaktheit in der Abschwellung des Chorklanges wie in Nr. 8? Funktioniert prima. Wunderbar ätherische Chorsopranklänge wie in Nr. 9? Bitteschön, der Gewandhauschor hat sie in petto. Brutalität und Bosheit wie in Nr. 11 oder 19, das Ganze durchaus in unterschiedlicher Intensität? Auch das liefern die Sängerinnen und Sänger, als wäre es das Leichteste von der Welt. Und so könnte man noch etliche weitere Elemente aufzählen. Bei so viel Klasse will das Orchester freilich nicht nachstehen, auch wenn es im Oratorium nicht die Hauptrolle spielt. Aber vor allem wenn Tippett die einzelnen Nummern mit ätherischen Übergängen aneinanderreiht, da bereitet es Dirigent Asbury keinerlei Mühe, solche Klänge hervorzuzaubern – was etwa die Tiefstreicher beim Wechsel zwischen Nr. 19 und 20 hervorzaubern, ist Meisterklasse, ebenso wie der Blechchoral am Ende von Nr. 26. Da Tippett den dritten Teil des Oratoriums am vielschichtigsten und feingliedrigsten angelegt hat, kommt es dort auch am stärksten auf die exakte Orchesterarbeit an. Asbury beschönigt dort durchaus nichts, läßt in Nr. 28 die Baß- und die Chorparts blockartig aufeinanderprallen und zieht sich auch in den beiden letzten Nummern, wo Tippett noch einmal einen Schalter umlegt, aus der bisherigen gewissen Sprödigkeit ausbricht und den Winter in einen allerdings auch nicht durchgängig lebensprallen Frühling transferiert, wie der erstaunlich unprätentiöse Schluß zeigt, exzellent aus der Affäre. Natürlich muß sich der Hörer gerade an die fünf verarbeiteten Spirituals in der hier gegebenen Form erst gewöhnen und bekommt viel Stoff zum Nachdenken, warum etwa „Go down, Moses“ erst recht fahl anhebt, dann große und völlig unironische Bombasttürme aufschichtet, die ersten Violinen aber rhythmisch gegen diese Türme arbeiten läßt und zum Schluß dann wieder völlig unironisch einen großen Chorpart ansetzt. Aber eben dieses Anregen zum Nachdenken bildet ja einen Grundfaktor des Stücks. Langer Applaus von den nicht ganz gefüllten Rängen (die große Zahl jüngerer Besucher könnte durch den auch mit einem recht niedrigen Altersdurchschnitt aufwartenden Chor induziert sein) belohnt die Mitwirkenden nach den für ein Oratorium (und ein Konzert im Gewandhausmaßstab) recht kompakten 75 Minuten, und der Chor bekommt verdientermaßen den lautesten Jubel.



Fotos:
Von Bundesarchiv, Bild 146-1988-078-08 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5483421
Von Bundesarchiv, Bild 146-1988-078-07 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5676366

Roland Ludwig


Zurück zur Artikelübersicht