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Der Pfeifer auf dem endlosen Fluss - Pink Floyd Part 9: Piper at the gates of dawn - Syd Barretts Tanz mit Gnomen per Fahrrad zu den Sternen

The Piper at the Gates of Dawn, Pink Floyds Debütalbum, war 1967 eine echte Sensation. Auch wenn es nicht auf der ganzen Welt die Hitparaden stürmte und kein Millionenseller wurde, gilt es noch heute als einer der wichtigsten und einflussreichsten Rockalben der Welt und neben Sgt. Pepper's Lonley Hearts Club Band der Beatles als das Initialalbum für den Psychedelic-Rock. Und nicht nur aus diesem Grund nimmt es einen besonderen Stellenwert im Oeuvre von Pink Floyd ein und spaltet bis heute, fast 50 Jahre nach seinem erscheinen, tatsächlich einige Fans der Band, die auch heute noch der Meinung sind, dass diese ohne ihren Begründer Syd Barett nicht mehr Pink Floyd waren.

Für mich persönlich kann das jedoch gar nicht so sein, denn mit der Gunst (oder auch dem Pech, das kann man so oder so sehen) des Spätgeborenem, habe ich die Band ja quasi vom anderem Ende her entdeckt, nämlich mit The Wall und The Final Cut vier Jahre später. Also quasi vom zweiten Ende der Band her. Dies führte auch dazu, dass ich als ich damals die 10-LP-Box The Collection zu meiner Konfirmation bekam, mit The Piper at the Gates of Dawn nicht ganz so viel anfangen konnte. (Zugegebenermaßen konnte ich jedoch zunächst mit Atom Heart Mother und Saucer Full of Secrets noch viel weniger anfangen.)

Denn, ja, die Trennung von Syd Barrett kurz nach Erscheinen des Debüts - wegen der schon an vielfacher Stelle erläuterten Gründe - war Pink Floyd eigentlich nicht mehr Pink Floyd. Denn anders als bei anderen großen Bands wie z.B. Genesis oder Marillion, verloren Pink Floyd nicht nur ihren Sänger und Texter und Mitkomponisten, sondern ihren Hauptsongschreiber, Gitarristen und Sänger. Was dieser Verlust ausmachte, konnte man direkt am Nachfolgewerk erkennen, auch wenn hier Barrett teilweise noch drauf zu hören ist. Dementsprechend war für mich als 14-jähriger, der überwiegend noch ABBA und die aufkommende Neue Deutsche Welle hörte, The Piper at the Gates of Dawn ein wahrer Kulturschock, auf den mich auch More, Ummagumma oder Meddle nicht ausreichend vorbereiten konnten. Einige Jahre später jedoch entdeckte ich auch psychedelischen Werke der mittleren 80er wie Rainparade, XTC oder auch das klanglich mißlungene, musikalisch aber geniale The Top von The Cure und fand dann auch gefallen am Barrett-Vermächtnis.




Aber kommen wir zurück zu diesem Album das den Grundstein für eine der bedeutendsten Rockbands der Welt legte. Pink Floyd hatten seit 1965 vor allem live für Aufregung gesorgt, mit langen, oftmals improvisierten Konstrukten. Mit ihren Singles “Arnold Layne“ und “See Emily Play“ hatten sie zwar auch gezeigt, dass sie durchaus im Songkontext arbeiten konnten, trotzdem durfte man wohl sehr gespannt sein, was sie auf ihre Langspielplatte von den Livedarbietungen übertragen konnten. Und hier stach dann der Syd-Barrett-Joker, denn dieser entpuppte sich als ausgezeichneter Song- und Textschreiber.

The Piper at the Gates of Dawn“ wird mit “Astronomy Domine“ mit einer Mischung beider Welten eröffnet. Zum einen hat es einen sehr straighten, einfachen Text, der durch einen ebenfalls relativ einfachen, aber äußerst treibenden Bass vorangetrieben wird. Auf der anderen Seite strotzt das Stück vor spannenden Experimenten. Angefangen mit einer höchst interessant und sehr rau gespielten Gitarre, die aber durch Halleffekte auch immer wieder spaciger wird. Das Schlagzeugspiel ist ebenso sensationell, folgt es doch weniger normalen Rockmustern. Getragen wird das Stück von den schwebenden Farifasa-Orgelklängen Rick Wrights, die, wie so oft bei Floyd, nicht im Vordergrund stehen und doch immens wichtig für den spacigen Klang sind. Die Krone bekommt das Stück jedoch von der Stereoabmischung aufgesetzt. Die Band nutzt diese 1967 noch recht junge Technik hier, wie auch auf dem restlichen Album wahnwitzig aus und so knallen den Hörer die Sounds und Instrumente sowie Stimmen nur so um die Ohren.

Das sich anschließende “Lucifer Sam“ hält das Tempo erst mal. Wieder treibt Waters' Bass unaufhörlich und definiert hier quasi den Stoner-Sound. Das gilt auch für Barretts Gitarre, die mit rockigen Riffs ebenso wenig geizt wie mit knackigen Effekten. Auch dieser Song ist so wahnwitzig abgemischt, dass der Hörer mitunter nicht mehr weiß, was gerade aus welchem Lautsprecher dringt. Wright ist in diesem Stück mehr mit wilden Sounds denn mit sphärischen Klangteppichen beschäftigt. Aber ohne seine Klänge wäre das hier auch nur die Hälfte wert.

“Matilda Mother“ ist ein ruhigeres Stück, bei dem der Gesang im Vordergrund steht. Dieser wechselt vom Solo zum Chorgesang und wieder zurück. Die Musik ist zunächst eher verträumt im Hintergrund. Erst im zweiten Teil setzt dann Wrights Keyboard die Akzente. Im Schlussteil kehrt man zum Eingangsthema zurück. Durch viele Gesangselemente und vor allem die Orgelklänge ein Manifest für den psychedelischen Popsong an sich. Droneartige Keyboardklänge und entrückt wirkendes Summen leitet "Flaming“ ein - einen weiteren, etwas ruhigeren Psychpopsong. Auch hier dominiert Barretts Gesang, verziert von verrückten Chorgesängen und untermalt von Wrights schwurbeliger Farfisa-Orgel. Nach einem Pianosolo wird der Song mit seltsamen Geräuschen, Fahrradklingeln und Barretts entrücktem Gesang beendet.


Eines der gewagtesten Stücke des Albums war sicher “Pow. R. Toc. H“. Das verrückte "Buum - Zisch - Zisch" welches das Stück einleitet, dann eine entfernt klingende Pianomelodie, leicht bluesig und ein ebenso einfaches Schlagzeug, dann will das Stück scheinbar ausbrechen, die Drums werden lauter und die Gitarre setzt mit Effekten ein, das Piano verschwindet und räumt der Farfisa wieder Raum ein. Doch der Ausbruch hält sich in Grenzen. Nach einigen Effekten und Wortfetzen setzt wieder eine schöne psychedelische Gitarre, mehrfach übereinander gelegt, ein und mit wieder einsetzendem "Buum - Zisch - Zisch", wilden Gitarrensounds und Trommeln endet der Song. Die einzige Komposition, an der Barrett nicht beteiligt war, Waters “Take up the Stetoscope and walk“, ist ein wilder Ritt von Bass und Orgel zu dem Barrett recht verrückte Effekte auf der Gitarre heraushaut. Das sehr treibende Stück ist übrigens eines der wenigen, welche Drummer Nick Mason eingesungen hat.

Die zweite Vinylseite wird mit dem knapp 10 Minuten langen “Interstellar Overdrive“ eröffnet. Dieses hatten Pink Floyd schon lange im Liveset, wo es durchaus auch mal 20 Minuten und länger werden konnte. Im Großen und Ganzen ist “Interstellar Overdrive“ eine Improvisation. Zwar ergibt sich ein spaciges Gesamtstück, doch an sich besteht es aus vielen einzelnen Komponenten. Der treibende Einstieg, straighter Bass, Schlagzeug, ein knackiges Gitarrenriff, dann fällt das Stück in sich zusammen, Gitarreneffekte dröhnen aus allen Richtungen, Wright spielt erst sphärisch, dann freaky auf seiner Orgel, nur Mason trommelt recht straight voran. Nach diesem Freak-Out-Teil brechen wieder knackige Riffs hervor, die das Stück zu seinem knalligen Finale bringen.

Das auf diesen Kracher das poppigste Stück des Album am besten passt, zeigt “The Gnome“. Das verträumte Popstückchen über einen Zwerg besteht nur aus einem recht einfachen Akkord auf der akustischen Gitarre, einem leichten Bass und einer sehr interessanten Perkussion. Seinen Charme erhält die einschmeichelnde Melodie durch Wrights perlendes Piano und den hier auch wieder besonders stark eingesetzten Hall und Stereoeffekten. Auch “Chapter 24“ behält den poppigen Psych bei. Schönes Piano, leicht wummernder Bass, schräge Orgel und darüber singt ein verträumter Barrett. Auch “The Scarecrow“ ist eine ruhige Nummer die durch Barretts Gesang dominiert wird. Wiederum stellt Wrights Farfisa-Orgel mit ihren flirrenden Klängen den zweiten wichtigen Bestandteil dar. Erst zum Schluss setzen Gitarre und Bass ein, wiederum wird das zarte psychedelische Stück durch leichte Perkussion und nicht von Schlagzeug untermalt.


Das verrückte “Bike“ beendet das Album. Seltsame Klänge auf Klavier, Orgel, Gitarreneffekte und scheppernde Perkussion dominieren das Stück, das dann in einer verrückten Klangcollage (die schon ein wenig zeigt, was die Band später noch in Sachen Klängen machen wird, aber auch, den sensiblen und scheinbar etwas seltsamen Charakter des Syd Barretts), wilde Klavierklänge und Streicherklänge, die schließlich im Entengeschnatter enden, beenden das Album.

The Piper at the Gates of Dawn war 1967 ein bahnbrechendes Album. Ein wenig war es der dunkle Zwilling von Sgt. Pepper. Für eine junge Band erbrachten Pink Floyd mit diesem Album eine unglaubliche Leistung und was Experimente anging, brauchten sie sich hinten den Beatles nicht verstecken. Die große Frage wird für immer unbeantwortet bleiben: was wäre aus Pink Floyd geworden, wenn Syd Barrett nicht wenige Monate nach Veröffentlichung auf Grund seiner psychischen Probleme und seines Drogenkonsums von der Band verabschieden hätte müssen. Es wäre wohl eine ganz andere Geschichte geworden. Denn auch wenn die Band zunächst versuchte, Barretts Stil zu kopieren (mit den eher erfolglosen Singles “It would be so nice“ und “Point me at the sky“ und auch teilweise noch auf ihrem Zweitling A Saucerful of Secrets), erkannte sie schnell, dass dies nicht möglich war und entschied sich, lieber andere, eigene Wege zu gehen, was dann ja auch zu einigen zeitlosen Werken führte.

Wie soll man nun dieses Album bewerten. An sich dürfte ich es in dieses Auflistung gar nicht führen, sollte es vielleicht eher in einen Kontext mit dem leider sehr kleinen Barrett-Solokatalog stellen. Aber es gehört nun einmal zum Bandkatalog. In meinen Ohren ist es eines der besten Debütalben, die jemals von einer jungen Band hervorgebracht wurde. Es brachte eine Musik, und teilweise auch Texte, die zu der Zeit ebenso innovativ wie geradezu provozierend waren. Was die Musiker, Techniker und der Produzent aus den vorhandenen Mitteln herausholten, hält sogar mit vielen heutigen Produktionen mit. Und: es ist eine unglaublich kurzweilige Angelegenheit auf der es keinen einzigen Ausfall zu vermelden gibt.

Für Interessierte empfehle ich im Übrigen die 2007 erschienene "40th Anniversary Edition" in der limitierten Special-Edition. Die enthält zum einen das grandios remasterte Album als Stereofassung, was dem Hörer wirklich einen kleinen, sorry, Hirnfick verabreicht, zum zweiten die remasterte Fassung der Mono-Version des Albums. Diese ist eigentlich nur für Puristen interessant, die halt auch mal diese Fassung gehört haben wollen. Wesentlich interessanter ist die dritte CD dieses Sets, die zum einen remasterte Fassungen der Singles, welche ja nicht auf dem Album waren, enthalten, also Arnold Layne“ und “See Emily Play“ nebst B-Seiten. Hinzu kommt noch das nach dem Album veröffentlichte “Apples and Oranges“. Gut, diese Stücke sind schon vielfach veröffentlicht. Aber es finden sich auch bisher noch unveröffentlichte Versionen von “Apples & Oranges“, “Interstellar Overdrive“ und „Mathilda Mother“.


Bewertung:

Musik: 9,5
Text(e): 8
Produktion, Klang: 9,5
Cover: 8,0

Gesamt: 18,125

Wolfgang Kabsch


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