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25 Years after - Mein Leben mit der CD; Folge 58: Cinderella - Heartbreak Station

Regelmäßige Leser dieser Kolumne wissen, dass sie auf zwei Beinen ruht. Das eine ist eine CD, die ich in dem Monat exakt 25 Jahre vor Erscheinen der jeweiligen MAS-Ausgabe bekommen oder erworben habe und mit ihr verbundene Erinnerungen; das andere sind Ereignisse, die sich im Monat des Kaufes ereignet haben. Mal wird dieses, mal jenes Bein stärker belastet. In diesem Monat verlasse ich mich völlig auf Bein zwei und verweise das Album von Cinderella, das ich im Januar 1991 in dem lange vergessenen CD-Laden Pablo's direkt am S-Bahnhof Feuerbachstraße in Steglitz erworben habe, komplett in die Review.

Beim Blick in meinen Terminkalender von 1991 erblickte ich am 22. Januar den Eintrag „10.45 Uhr Beerdigung AvJ“. Gemeint ist der evangelische Theologe Aurel von Jüchen, der am 11. Januar 1991 im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Seinem Andenken soll diese Kolumne in diesem Monat gewidmet sein. Eine komplette Biographie kann das nicht sein. Sie ist auch nicht mehr nötig. Ulrich Peter, von dem noch zu reden sein wird, hat sie vor zehn Jahren beim Stock & Stein Verlag veröffentlicht (ISBN13 978-3-93744t-28-5).

Aurel von Jüchen war Religiöser Sozialist. Für viele war (und ist) das eine eher unmögliche Kombination. Im Kaiserreich und der Weimarer Republik, wo der 1902 in einer bürgerlichen Familie geborene Aurel von Jüchen aufwuchs, galten Sozialdemokraten als gottlose Vaterlandsverräter, während die Arbeiterbewegung in der Kirche einen Parteigänger von Kapital und Reaktion sahen. Und die Erfahrungen sprachen mehrheitlich dafür, dass diese Urteile stimmten.

Von Jüchen hatte das Elend der Arbeiter als Werksstudent erlebt und innerlich dagegen protestiert. Fortan stand er an der Seite derjenigen, die sich für die Rechte der Arbeiter einsetzten. Und er begründete das aus dem Evangelium heraus. Für ihn waren Religion und Sozialismus keine Gegensätze. Im Gegenteil: In Jesus, der sich den Armen, den Ausgeschlossenen, den Verachteten annahm, sah er denjenigen, der auf der Seite der Armen stand. Dem Verdikt des Sozialistenführeres August Bebel, der darin ausnahmsweise mit Kaiser Wilhelm II einig war, „Christentum und Sozialismus verhalten sich zueinander wie Feuer und Wasser“ hielt er die Parole des katholischen Priesters Wilhelm Hohoff entgegen „Kapitalismus und Christentum sind wie Feuer und Wasser“.


Daher schloss er sich dem 1926 gegründeten Bund der Religiösen Sozialisten an, einer Organisation, die das Evangelium im Scheine des Sozialismus leuchten lassen wollte - und umgekehrt. Eine seiner Hauptaufgaben sah der Bund darin, Gräben zwischen Kirche und Arbeiterschaft zuzuschütten, indem seine Mitglieder in kirchlichen Kreisen für die Berechtigung des Kampfes der Arbeiterklasse eintraten und in den Arbeiterparteien die sozialistische Dimension des Evangeliums deutlich zu machen versuchten.
Während der Großteil der bürgerlichen Theologen den Aufstieg Hitlers als Rettung vor dem Sozialismus begrüßte, analysierte von Jüchen bereits 1930, dass der totalitäre Anspruch des nationalsozialistischen Staates mit dem christlichen Bekenntnis grundsätzlich unvereinbar ist.
Obwohl der Bund der Religiösen Sozialisten eine der ersten Organisationen war, die von den Nazis verboten wurde, gelang es Aurel von Jüchen die NS-Zeit relativ unbeschadet zu überstehen. Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ begrüßt er die Vereinigung von SPD und KPD in der „Ostzone“ zur SED, da er erlebt hatte, wie die Spaltung der Arbeiterbewegung den Kampf gegen den Nationalsozialismus entscheidend geschwächt hatte.

Er wurde Mitglied der ersten Volkskammer und Verbindungsmann zwischen FDJ und Kirche. Aber nur für kurze Zeit. Als Kirchenmann wurde er 1950 vom russischen Geheimdienst verhaftet. Ein Schauprozess schickte ihn für 15 Jahre nach Sibirien. Bereits 1955 wurde er in die BRD entlassen. Überspringen wir die folgenden Jahre. In den 80ern gab es in Berlin neues Interesse am Religiösen Sozialismus. Im Zuge der Friedensbewegung hatten sich kirchliche Kreise politisch kritischen Bewegungen angeschlossen, waren zum Teil ihre Vorkämpfer geworden.

Einem Teil der (kirchlichen) Friedensbewegung war deutlich geworden, dass Militarismus und Kapitalismus in vielfältiger Weise miteinander verflochten waren. Er begann sich nicht nur für Abrüstung einzusetzen, sondern grundsätzliche Fragen an das kapitalistische Wirtschaftssystem zu stellen.
Stand der Religiösen Sozialisten auf dem „Markt der Möglichkeiten" (Kirchentag 1989)


Vor diesem Hintergrund sammelte sich in Berlin Mitte der 80er Jahre eine Gruppe um den Sozialpädagogen Ulrich Peter, der gerade dabei war zusätzlich Theologie zu studieren und später mit einer Arbeit über den Religiösen Sozialismus promovieren sollte, den Religionslehrer Gunter Schwarze und den Theologen Klaus Bajohr. Sie bildete bald eine Berliner Ortsgruppe des Bundes der Religiösen Sozialisten Deutschlands, der im Rahmen der Studentenbewegung neues Leben bekommen hatte und 1977 in Bochum neu gegründet worden war.
Man wollte die Traditionen des Religiösen Sozialismus erforschen und seine Gedanken im Kontext der 80er Jahre weiter denken.

Auch Aurel von Jüchen schloss sich erneut dem Bund an. Trotz seiner Erfahrungen mit dem „real existierenden Sozialismus“ wurde er seinen Idealen nicht untreu. Obwohl er von den so genannten Sozialisten in die Bleibergwerke Workutas geschickt wurde und sich dort eine einseitige Stimmbandlähmung zugezogen hatte, die ihm die Arbeit im regulären Pfarrberuf unmöglich gemacht hatte, blieb für ihn der christlich fundierte Sozialismus das Gebot. Er baute die Berliner Gruppe der Religiösen Sozialisten mit auf, die 1989 beim Evangelischen Kirchentag und beim 1990 folgenden Katholikentag deutlich in Erscheinung trat.

Ein Jahr später starb er! Kurz zuvor konnte er noch miterleben, wie er von der PDS (Nachfolgepartei der DDR-Staatspartei SED und Vorläufer der Linken) offiziell rehabilitiert wurde.

PS: Ich entschuldige mich für die mäßige Qualität der Fotos. Es sind Originalaufnahmen vom Evangelischen Kirchentag 1989 in Berlin - aufgenommen mit einer recht schlichten "Ritsch-Ratsch-Klick Kamera".

Norbert von Fransecky


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