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Artikel

Furioser Uriah Heep-Auftritt in der Brandenburger Provinz

Info

Künstler: Uriah Heep

Zeit: 11.12.2015

Ort: Kulturhaus Stadtgarten, Neuruppin (Brandenburg)

Besucher: 1000(?)

Veranstalter: Kulturhaus Stadtgarten

Fotograf: Norbert von Fransecky

Internet:
http://www.uriah-heep.com
http://www.kulturhaus-neuruppin.de
http://www.lordbishoprocks.com
http://www.wolvespirit.com

Norbert liebt Kirchen, und er liebt Brandenburg. Kein Wunder, dass ihn seine Tagesausflüge immer wieder in die Provinz jenseits des Berliner Speckgürtels ziehen. Manche Orte besucht er einmal, manche öfter. Neuruppin hat ihn zum wiederholten Besuch gelockt. Die preußische Musterstadt hat einiges zu bieten. Aber das soll er Euch selbst erzählen. Im Moment ist vor allem eines wichtig. Ein Ausflug in die Fontane-Stadt hat ihm klar gemacht, dass die aufstrebende Kleinstadt zeitlich nicht wesentlich weiter von seinem idyllischen Haus entfernt ist, wie die Mitte Berlins. Als er daher las, dass seine Laib-und-Magen-Band statt in Berlin in Neuruppin aufschlagen würde, war die Entscheidung schnell gefällt. Aber es gab für ihn noch einen zweiten Grund sich auf den Weg zu machen.

Kapitel 1: Die Vorband(s)

Vorbands rangieren in der Regel so in etwa zwischen den Kategorien „notwendiges Übel“ und „ganz nette Zugabe“. Wenn sie einmal ausfallen, spielt das daher in der Regel keine Rolle, wird eventuell sogar positiv gesehen, weil man möglicherweise etwas früher gehen, oder losfahren kann.

In diesem Fall war es ganz anders. Als ich am Morgen die E-Mail bekam, dass Wolvespirit wegen eines Unfalls ihrer Sängerin die letzten beiden Auftritte im Rahmen von Uriah Heeps Rock the Haus Tour absagen mussten, war ich mehr als enttäuscht, da mir ihr Album Free ausnehmend gut gefallen hatte. Die aktuelle EP, die mich auf dem Weg von Berlin nach Neuruppin begleitet hat, übrigens eher noch mehr.

Ein Anruf beim Venue sagte mir, später fahren ist nicht. Eine Ersatzband war innerhalb weniger Stunden gefunden worden. Dass Lord Bishop rocks „die Hausband des Kulturhaus Stadtgarten“ sei, wie es vor ihrem Auftritt angekündigt wurde, löste am Merchandisestand allerdings eher Kopfschütteln aus. Man habe hier zwar schon gelegentlich gespielt, aber Lord Bishop sei Amerikaner, der in den 90ern in Dresden hängen geblieben sei.


Lord Bishop rocks stellte sich als Power Trio raus, das geradewegs aus den 70ern zu uns zurück gestürzt zu sein schien. Ein schmaler langhaariger Drummer hockte hinter einem für heutige Zeiten spartanisch ausgestatten Kit. Der Bassist konnte kaum zwischen seiner Lockenpracht hindurch schauen und der singende Gitarrist hätte in jedem 70er Jahre US-Krimi als Klischee-Schwarzer mitspielen können – groß und schwer, in einem weiten, locker am Körper hängenden Nadelstreifenanzug, Ledermütze und Sonnenbrille, blitzende übergroße Ringe an jedem Finger.

Jede Wette, dass die drei in ihren Plattensammlungen reichlich Material zwischen Eric Burdon und Jimi Hendrix stehen haben. Von Motörhead, auf die der Titel ihrer CD Motörfunk anzuspielen scheint, ist dagegen wenig zu hören. Das Ganze war mindestens so viel Show, wie Konzert. Ein Schluck aus der frisch geöffneten Jack Daniels Flasche zu Beginn, Gitarre mit den Zähnen spielen, hinterm Rücken spielen, Verzerren, Verzerren, Verzerren und dann natürlich auch der Schluck aus der Pulle für einige Herren in der ersten Reihe.

Manchmal war das dem Guten etwas zu viel und drohte den Spannungsbogen zu killen. Aber am Ende hat es Spaß gemacht, und als die drei zum Schluss Led Zeppelins „Whole lotta Love“ nach allen Regeln der Kunst in Schutt und Asche legten, war der Applaus mehr als nur Höflichkeit eines gut erzogenen Publikums.


Kapitel 2: Neuruppin

Wer kennt Neuruppin? Wahrscheinlich vor allem drei Menschengruppen: Pendler, die regelmäßig von Berlin nach Hamburg (oder umgekehrt) fahren, begeisterte Leser von Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg und Menschen, die dort wohnen.

Gartenlokal im UpHus

Eigentlich ungerecht. Neuruppin ist eine schöne kleine Stadt (mittlerweile gar Universitätsstadt) an einem schönen großen See, mit der herrlichen Klosterkirche Sankt Trinitatis, einem exquisiten Weinladen am Neuen Markt, den oft nicht überlaufenen Thermen, von denen aus man nach dem Saunagang direkt in den See hineinschwimmen kann, und einem stimmungsvollen Lokal, das sich in der ehemaligen Siechenhauskapelle St. Lazarus und dem UpHus von 1694, dem ältesten Fachwerkhaus der Stadt, befindet.

Und Neuruppin ist von Spandau aus genauso gut zu erreichen, wie die Mitte Berlins – gut 50 Minuten im wesentlich auf der Autobahn, statt mindestens 45 Minuten durch den unberechenbaren Berliner Stadtverkehr. Leider ist die Bahn keine Alternative. Zwar ist der Bahnhof direkt neben dem Kulturhaus Stadtgarten. Eigentlich ideal! Aber am Samstagabend fährt der letzte Zug gen Berlin um 22.30 Uhr.


Kapitel 3: Uriah Heep

War noch was? Ach ja, da hat ja noch ‘ne Band gespielt! Und für die hat es sich wirklich gelohnt, sich von der Couch zu erheben.

Nachdem die Setlist der Rock the Haus-Tour in Fankreisen durchgesickert war, wurde in Heep Foren lamentiert, dass die Band sich im Vergleich zu den letzten Jahren wieder in ihre 90er/00er Haltung zurückgezogen habe. Mit anderen Worten, es würden fast nur die ollen Kamellen gespielt, und das neue Material käme kaum zum Zug. Uriah Heep als Cover-Band ihrer selbst.

Setlist:

1. Gypsy
2. Look At Yourself
3. Shadows of Grief
4. Love Machine
5. The Law
6. The Outsider
7. Sunrise
8. Stealin'
9. The Magician's Birthday
10. Wise Man
11. The Wizard
12. One Minute
13. Can't take that away
14. July Morning
15. Lady in Black

Zugabe:
16. Bird of Prey
17. Easy Livin'
Und ganz ist dieser Vorwurf nicht von der Hand zu weisen. Von dem Rezept „ausschließlich Material aus den Jahren 1970 bis 73 plus vier Stücke vom noch aktuellen Studio-Album Outsider“ wurde nur in einem einzigen Fall abgewichen. Mit „Wise Man“ kam auch das 1977 erschienene Album Firefly zum Zug, das erste Album auf dem nicht der Gründungssänger Dave Byron zu hören war. Alles was danach kam, wurde ignoriert – auch die wieder recht erfolgreichen Alben seit 2008. Bis auf die vier neuen Stücke stammte also das gesamte gespielte Material aus Zeiten, in denen von der heutigen Besetzung nur Gitarrist Mick Box mit dabei war.

Der Auftakt passte. „Gypsy“ ist nicht nur (neben „Stealin‘“, „Bird of Prey“, „Easy Livin‘“ und – natürlich - „Lady in Black“) einer der drei oder vier wirklich unverzichtbaren Live-Klassiker der Band. Als erstes Stück der ersten Seite der ersten LP von Uriah Heep markiert er auch ganz plastisch den Beginn der Bandgeschichte, und er gibt Bandurgestein Mick Box reichlich Gelegenheit seine sechs Saiten schwingen zu lassen. Die Stimmung im Saal schäumte sofort über.

Und das nicht nur, weil in Neuruppin ein Publikum am Start war, das sich selbst und seine Erinnerungen abzufeiern bereit war, wie es bei Konzerten von Bands mit einer solch langen Geschichte oft zu beobachten ist. Uriah Heep waren mit einer Spielfreude und Präsenz am Start, die geradezu unglaublich waren – nicht zuletzt, wenn man bedenkt, dass sich mit Phil Lanzon (65) und Mick Box (68) zwei der Musiker bereits im Rentenalter befinden, und der Benjamin Davey Rimmer am diesjährigen Nikolaustag auch bereits seinen 47. Geburtstag feiern konnte (und damit exakt ein Jahr älter ist, als die Band, in der er nun spielt). Nichts davon war zu spüren. Die alten Herren gingen mit einem Biss an den Start, als hätten sie gerade erst ihr Debütalbum eingespielt und wollten der Welt nun zeigen, was die Uhr geschlagen hat.


Gleichzeitig spürte man eine souveräne Lässigkeit, die langjähriger Routine entspringt und dem Bewusstsein, niemandem noch etwas beweisen zu müssen. Das gilt insbesondere für Mick Box, der vor tiefem Glück wie von innen heraus zu leuchten schien. Immer wieder spielte er die Gitarre nur mit der linken Hand am Hals, während die rechte Hand mit beschwörenden Gesten über dem Korpus schwebte, als wolle er die Akkorde gleichsam segnend auf die Reise zu schicken. Ruhepol und Energiequelle zugleich.

Nach dem Opener widmeten sich Uriah Heep mit gleich drei Titeln dem Album Look at Yourself - wohl eine Vorübung für die anstehende Japan-Tour, auf der das 71er Album komplett gespielt werden soll. Es sticht durch seinen ungewöhnlich experimentellen Charakter deutlich aus dem Gesamtwerk der Band heraus. Beleg dafür war an diesem Abend vor allem das ungewöhnliche „Shadows of Grief“ während dessen beeindruckendem Instrumentalteil das Schlagzeug in giftgrün gelbes Licht getaucht wurde.

Russell Gilbrooks aktuelles Drumset ist ein echter Hingucker. Ein wuchtiger chromblitzender Rahmen wächst nach vorne empor und schließt hoch über dem Kopf des Schlagzugers mit mehreren Becken.

Beeindruckend – Russell Gilbrooks Arbeitsgerät



Nach dem Look at Yourself Paket folgte der einzige Stimmungsabfall des Konzertes. „The Law“ von aktuellen Album konnte nicht wirklich überzeugen. Dass das nicht am Album insgesamt lag, bewies der sofort folgende Titelsong „Outsider“, der zu einem furiosen „Stealin‘“ überleitete, das Bernie Shaw dazu nutzte das Publikum in einen mehrere hundert stimmigen Ahaha-Chor zu verwandeln, um dann einen weiteren Höhepunkt anzumoderieren.

Shaw war in der Form seines Lebens – auf der einen Seite stimmlich. Bisher hatte ich bei jedem Konzert und bei jeder Live-Aufnahme Momente, in denen ich mir John Lawton und vor allem Dave Byron zurück wünschte, weil die doch deutlich höhere Stimme von Shaw nicht das Volumen und die Kraft brachte, die den beiden eigen ist, bzw. war. Das ist mir an diesem Abend zum ersten Mal nicht ein einziges Mal passiert. „Wise Man“, das Shaw zum Teil auf einer Monitorbox sitzend vortrug, entwickelte sogar so viel Emotionalität, dass es das Original von John Lawton in den Schatten stellte.

Aber auch hinsichtlich der Entertainerqualitäten habe ich Shaw noch nie so präsent erlebt, wie in Neuruppin. Jede Trennung zwischen ihm und dem Publikum war aufgehoben. Die Ansagen bekamen den Charakter eines Gesprächs mit Freunden – und waren so gut artikuliert, dass jedes einzelne Wort zu verstehen war. Keine Selbstverständlichkeit bei Rockkonzerten! Nach „Stealin‘“ schickte der Sänger das Publikum auf eine virtuelle Reise in das Jahr 1972, in dem er die Geburtsstunde eines Phänomens namens Prog Rock sah. Und Uriah Heep seien ganz vorne mit dabei gewesen. (Kann er wissen. Damals war er immerhin schon 16!) Als er dann noch erwähnte, dass die Stücke damals nicht nur drei oder vier Minuten lang gewesen sind, dürften viele im Publikum bereits geahnt haben, was dann kommen sollte. Im Zentrum des Konzertes stand – wie in den letzten Jahren häufiger – das über zehnminütige „The Magician's Birthday“ mit seinem hymnischen Geburtstagsständchen und dem furiosen Gitarren-Instrumentalteil, den Mick Box gefühlt (Ich hatte keine Uhr dabei.) noch einmal deutlich ausgedehnt hat. Auch hier unterstützte die Lichtanlage das Solo. Das hatte man in der Vergangenheit aber auch schon spektakulärer erlebt.

Nach der Klassiker-Ballade „The Wizard“ durfte Outsider noch einmal mit zwei Stücken ran und bewies eindrucksvoll, dass Uriah Heep im 46. Jahr ihres Bestehens absolut in der Lage sind, mit den besten Momenten der Bandgeschichte gleich zu ziehen. Schier unglaublich!

Als weiterer Track aus dem Album Look at Yourself schloss „July Morning“ den Kreis zum Beginn des Abends, bevor „Lady in Black“ wie immer den regulären Set beendete. Die Zugabe brachte keine Überraschungen. Zwei unverzichtbare Klassiker, die die rock’n’rollige Seite der Band besonders gut zur Geltung brachten, lieferten ein furioses Ende eines überwältigenden Konzertes.

Der Saal kochte dermaßen, dass in diesem Fall eine echte ungeplante Zugabe eigentlich das einzig mögliche Ende gewesen wäre. Aber das Publikum war brav und diszipliniert, so dass die erneut aufkommenden Zugabe-Rufe sofort vertummten, als die ersten Roadies auf die Bühne kamen. Schade!


Epilog: Neuruppin Reprise – das Publikum

Vielleicht sollte man öfter mal vor die Tore der Städte fahren. Vielleicht stimmt es wirklich, dass das Volk vom Lande begeisterungsfähiger ist, als das übersättigte Publikum in den Metropolen. Die Blues Garage in Isernhagen vor den Toren Hannovers wäre ein weiterer Beleg dafür. Aber man sollte vorsichtig mit vorschnellen Urteilen sein. Denn so ausgehungert können die Neuruppiner eigentlich gar nicht sein. Durch die Ankündigung des Heep Konzertes, die dieses Mal Berlin links (bzw. genauer rechts unten) liegen ließen, sensibel geworden, bemerkte ich, wie viele auch mittelgroße Acts dort Station machen.

Ein wenig überrascht hat mich das Publikum im Kulturhaus Stadtgarten. Dass ich mich mit 50+ auf derartigen Konzerten nicht alt fühlen muss, bin ich gewohnt. Aber man trifft bei Hard Rock Konzerten doch in der Regel auch ein Hard Rock Publikum an - nicht frauenfrei, aber männlich dominiert; nicht wirklich Szene, aber doch überwiegend Jeans, Lederjacken, T-Shirts, etc. In Neuruppin schlugen auch erstaunlich viel Personen auf, die man eher in etwas bildungsbürgerlicheren Veranstaltungen erwarten würde. Sorgfältig und gepflegt frisierte Frauen; Männer die man wohl als distinguiert beschreiben würde (und zwar auch in der ersten Reihe). Erstaunlich! Vielleicht führte das mit dazu, dass man sich auch vorne an der Bühne entspannt bewegen konnte. (Beim Fotografieren ohne Fotograben eine wahrer Segen.)

Bleibt als Fazit neben einem überwältigendem Heep Konzert ein klarer Tipp für Neuruppin als Konzert Location!


Und zum Abschluss die Besetzung von Uriah Heep 2015 in Neuruppin per Fotostrecke










Norbert von Fransecky


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