····· Carlos Santana sieht den Blues bei Tommy Castro „in guter Hand“  ····· Die kanadischen Progressivrocker Saga verabschieden sich nach 40 Jahren von ihren Fans ····· Slade Alive! erscheint in neuer Luxus-Edition am 29.09.2017 ····· Shawn James and the Shapeshifters kommen auf Tour ····· Ab Ende Oktober sind Ohrenfeindt auf deutschen Bühnen ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Artikel

Linie: Es ist sehr befreiend diese Art von Musik zu spielen!

Info

Gesprächspartner: Linie

Zeit: 25.11.2015

Stil: Alternative/Stoner Rock

Internet:
http://www.facebook.com/LinieBand
http://linie.bandcamp.com

Das Jahr geht so langsam zu Ende und man grübelt darüber, was einem aus 2015 in Erinnerung geblieben ist. In meinem Fall das Albumdebüt der Nordlichter Linie. Das Quintett bietet (O-Ton): „In-your-face-Riffing, ein markantes Organ, 101% Angepisstheit sowie eine gesunde Zerstörungswut“. Diese Selbsteinschätzung kann man gerne so stehen lassen. What we make our demons do entwickelte sich zu einem Grower, der sich aus Elementen wie Stoner Rock, Alternative, elektronischen Einsprengseln und so manch weiteren, nicht genau zu definierendem Puzzleteil speist. Der Sound ist garstig und düster, eigenwillig und tut erst mal viel dafür nicht gemocht zu werden, nur um dann doch mitzureißen. Das machte uns neugierig. Und wenn der Release auch schon ein paar Monate zurück liegt, zerrten wir Schlagzeuger Alex Bujack vors Mikro, um etwas nachzubohren.


Alex, ganz schlicht: Linie, wieso, weshalb, warum? Wo liegen Eure Wurzeln und warum musste man dem inneren Druck nachgeben, genau diese Band jetzt zu gründen?

Wir haben alle vorher schon in Bands gespielt, mal mehr, mal weniger ambitioniert. Iggi (Keyboarder/Elektroniker Alex Küßner - Anm.d.Verf.) hatte ebenfalls einige Projekte auf dem Buckel in Sachen elektronischer Musik. Als die letzte Band von Jörn, Alex Wille und mir nach dem Weggang des Bassisten ein wenig ins Stocken geriet, lernten wir in kurzer Zeit Ralph (Ralph Ulrich, Bass - Anm.d.Verf.) und Iggi mehr oder weniger durch einen glücklichen Zufall kennen. Die Sache nahm dann ziemlich schnell Fahrt auf und wir waren alle sehr froh über den frischen Wind den die beiden in die Band brachten.
Druck haben wir gar nicht verspürt. Eher eine Erleichterung, dass es weiter geht, in eine sehr interessante Richtung. Als Zeitdokument ist dann die Negative enthusiasm-EP entstanden. Darauf folgten immer mehr Songs und wir haben uns musikalisch immer mehr angenähert. Alles sehr organisch und ohne genaue Vorstellungen. Wir haben es einfach entstehen lassen.

Welchem musikalischen Selbstverständnis folgt ihr, bzw. habt ihr ein bestimmtes Credo?

Das wichtigste ist, dass uns die Musik und die Arbeit daran Spaß macht. Wir machen das als erstes für uns und haben keinen Masterplan wie man einen Song am besten schreibt, so dass er bestimmten Leuten gefallen könnte. Gefällt er uns, ist das der Grundstein. Können wir Leute damit live oder auf Platte begeistern, ist das die Sahne obendrauf. Kein Frage, das freut uns dann natürlich auch und treibt uns weiter an. Aber der Grundstein ist unsere Freundschaft und die Liebe an der Musik.

Bandname und auch das Cover Eurer Platte lassen keine wirklichen Assoziationen zum Inhalt zu. Mögt ihr es, die Leute etwas im Unklaren und alles offen zu lassen?

Schon, ja. Uns interessieren Bands und Alben, die nicht gleich auf den ersten Blick preisgeben, was sich dahinter verbirgt. Ob das jetzt der Bandname, das Cover, ein Foto oder der Albumtitel ist: was Interesse weckt ist zweitrangig. Es muss was mit dem Betrachter bzw. Hörer machen. Im Idealfall löst es Neugier aus und man möchte wissen welche Art von Musik dahinter steht. Beschäftigt man sich dann damit und die Musik kann dich ebenfalls überzeugen, ist das ein wunderbarer Moment. Man hat was für sich „entdeckt“. Das passiert natürlich nicht jeden Tag, aber wenn ist das immer was Besonderes.

What we make your demons do wurde ziemlich gut aufgenommen. Viele Reaktionen waren sogar regelrecht euphorisch. Ich denke ihr wart nicht schlecht überrascht von dem guten Echo.

In der Tat, das hat uns schon ziemlich überrascht. Wir waren schon sehr zufrieden mit der Platte, aber wenn einen dann solche teils euphorischen Rezensionen erreichen, ist das schon echt der Hammer und lässt einen mit einer Mischung aus Freude, Stolz und Ungläubigkeit zurück. (lacht)

Wie Du vorhin schon gesagt hast, kam Iggi mit seinen elektronischen Elementen erst später ins Boot. Plötzlich war ein „Genrefremder“ mit an Bord. Wie kam diese Paarung zustande und musstet ihr ihn überreden in eine Rockband einzusteigen? Ist er das fehlende Puzzleteil zum Linie-Sound?

Wie eingangs erwähnt, haben wir erst Ralph und dann später Iggi zufällig kennengelernt. Man tauschte sich über Musik und Interessen aus und kam dann etwas später im Proberaum zusammen. Als „genrefremd“ würde ich Iggi nicht bezeichnen. Er hat auch vorher schon mit Rockbands gearbeitet und hat auch privat einen sehr breit angelegten Musikgeschmack. Dass Iggi dann nach der Arbeit an der EP fest dazu kam war der nächste logische Schritt. Wir haben gemerkt, dass da noch viel im Verborgenen schlummert, was mit Iggi und seinen Einflüssen sehr interessant für die Band werden kann. Somit kann man sagen, dass Linie ohne ihn definitiv eine andere Band wäre.


Eure EP hat mich nicht so begeistert und ließ mich etwas ratlos zurück. Schien ganz so, als habt ihr noch nach eine Richtung gesucht. Das Album klingt da schon wesentlich fetter. Woher dieser neue Fokus, bzw. die Qualitätssteigerung? Hat euch vielleicht auch jemand von außen etwas unter die Arme gegriffen, evtl. Produzent Timo Höcke?

Als wir die EP aufgenommen haben, war alles noch ziemlich frisch und wir hatten ein paar Songs geschrieben, die wir gerne aufnehmen wollten. Wir merkten, dass sich was entwickelt und wollten das in Form der EP als Momentaufnahme festhalten. Alles sehr DIY und ohne großen Aufwand. Wir hatten kein richtiges Studio oder einen unerschöpfbaren Pool an Mikrofonen oder Geräten. Nur einen kleinen Raum, ein paar lockere Ideen, Songs und mit Iggi und Ralph eine neue Konstellation, die sich ausprobierte. Als wir dann die nächsten Songs schrieben, die dann später auch auf dem Album landen sollten, war das schon wesentlich ausgereifter. Jeder hatte seinen Platz mehr oder weniger gefunden und wir hatten eine Art Richtung. Die Entscheidung zum Album viel dann auch erst relativ spät. Dafür aber umso zielgesetzter. Es war schnell klar, dass wir die Songs in den für uns bestmöglichen Bedingungen aufnehmen wollten.
Timo kannte ich schon etwas länger und ich fragte ihn, ob er sich das vorstellen könnte mit uns zusammen zu arbeiten. Nach ein paar Gesprächen waren wir uns dann einig und wir enterten sein Studio im November 2014. Die zwei Wochen waren super und wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis nach Hause gegangen. Timo hat uns auch als Produzent unterstützt und wichtige Tipps gegeben, die den Song am Ende das gewisse etwas gegeben haben bzw. sie in die Richtung gebracht, die sie transportieren sollen. Alles in allem eine gelungene Zusammenarbeit und sehr zufriedene Gesichter auf beiden Seiten.

Euer Sound klingt nach einem ziemlich kruden, aber interessanten Genre-Mix. Ich denke das kommt nicht vom Reißbrett. Aber wie viel ist bewusste Entscheidung und wie viel entsteht spontan im Proberaum? Wie arbeitet ihr beim Songwriting, wie spontan sind die auf Platte gebannten Endergebnisse?

Der Sound entsteht ohne großen Masterplan. Jeder bringt seine Einflüsse, Vorlieben und Verhalten am Instrument mit rein. Wir spielen mittlerweile bei jeder Probe einfach drauflos, bevor wir das aktuelle Set in Angriff nehmen. Also ein sehr spontaner Austausch an Riffs, Rhythmen und Tönen, die uns in diesem Moment gerade aus den Fingern kommen. Je nach Stimmung und Tagesverlauf variiert das natürlich in Sachen Intensität, Härte oder Lautstärke. Hin und wieder bleiben wir dann auf einem Ablauf hängen, auf dem wir dann später aufbauen und die Ideen weiter ausarbeiten. Jörn, Iggi oder Alex bringen aber auch schon mal was von zu Hause mit das wir dann im Kollektiv ausprobieren und gucken, ob daraus was werden könnte. Im Studio standen die Songgerüste zu einem Großteil schon fest. Es gab aber auch spontane Ideen, die dann mit eingeflossen sind und eingefügt wurden. In der Studiosituation kann man sich schon ein paar Türen offen lassen, sollte sich aber gleichzeitig auch nicht verrennen. Wir haben da einen guten Mittelweg gefunden.

Ich finde den Einsatz des Gesangs interessant. So ein Mittelding zwischen Sprechgesang und „normalem“ Gesang. Das hat etwas sehr Direktes, Ungeschöntes, was gut zur Musik passt. Was entsteht dabei zuerst, die Musik oder die Worte - seht ihr den Gesang als eine Art weiteres Instrument?

Bei uns steht klar die Musik als Erstes. Der Gesang und Text folgen dann später. Die Stimme kann das Ganze dann noch mal auf ein anderes Level heben, sollte sich aber auch gleichzeitig wie ein zusätzliches Instrument im Rest einfügen. Jörns Stimme ist markant und wichtig für unseren Sound. Somit würde ich deine Aussage bestätigen und sie als wichtiges Instrument der Band sehen.

Musik wie Texte wirken ziemlich dunkel und garstig, bisweilen sogar äußerst negativ. Könnt ihr etwas Licht ins Dunkel bringen, was die Songs behandeln?

Die Texte handeln von Erlebnissen, Gedanken oder entstehen um einen für uns interessanten Satz oder Ansatz - spontan aufgegriffen bzw. etwas das uns beschäftigt. Das kann im Falle von „Inability“ das Thema Asperger-Syndrom sein oder wie bei „Bearing Life“ der Verlust einer Person. Nichtsdestotrotz lassen die Texte auch Raum für Interpretationen, was wir wichtig finden. Wir geben ein Gerüst vor, das aber im Prinzip von jedem anders wahrgenommen werden kann. Die Musik kommt zwar vor dem Text, das heißt aber nicht, dass man sich darüber weniger Gedanken machen sollte. Es steht also bei jedem Text ein persönlicher Ansatz dahinter, der aber nicht vorschreibt, sondern nur beschreibt und Platz für die Gedanken des Hörers lässt.

Viele Musiker, die ähnlich düsteren Sound machen, weisen immer wieder auf eine Art „kathartisches“ Element darin hin. Kann ja nicht sein, dass man immer nur als Hassbatzen durch die Welt läuft. Wie ist es bei Euch, ist Musik eine Art Therapie negative Gefühle freien Lauf zu lassen? Müsst ihr Euch in eine bestimmt Stimmung bringen, um „Linie-Musik“ spielen zu können?

Ja, da ist schon was dran. Es ist auf jeden Fall sehr befreiend diese Art von Musik zu spielen. Sie verlangt einem etwas ab, gleichzeitig bekommt man aber auch was zurück. Das kann dann auch schon mal reinigend oder therapierend sein. In Stimmung bringen müssen wir uns dafür nicht. Sobald die ersten Töne erklingen sind wir drin und voll auf Intensität, Kraft und Leidenschaft gepolt. Das ist ein spezieller Zustand, der sich nur schwer beschreiben lässt, aber immens wichtig ist für die Band und letztendlich auch den Zuhörer bzw. Zuschauer

Wie geht’s weiter mit Linie? Mehr Konzerte, mehr neue Musik, mehr Fans?

Wir sind mitten in den Live-Plänen für nächstes Jahr und hoffen demnächst die ersten Daten bekanntgeben zu können. Am 29. Januar spielen wir mit Black Shape Of Nexus und Treedeon nach einem halben Jahr wieder in Hamburg im Hafenklang. Da freuen wir uns schon sehr drauf. Neue Musik muss noch etwas warten, das ist ja gerade sechs Monate draußen, da gilt es noch einige Leute mit dem Material zu bespielen. Aber klar arbeiten wir hier und da schon mal an neuen Ideen.

Vielen Dank, Alex für das Interview!


Mario Karl


Zurück zur Artikelübersicht