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Der Pfeifer auf dem endlosen Fluss - Pink Floyd Part 4: Der finale Schnitt

Zum letzten Pink Floyd Album mit Roger Waters und dem ersten (und einzigem) ohne Richard Wright muss ich einleitend ein wenig aus der eigenen Vergangenheit berichten. The Final Cut war das erste Pink Floyd Album, welches ich am Erscheinungstag gekauft hab. Wahrscheinlich war es das erste Album überhaupt das ich am Tag seiner Erscheinung erstanden habe. Um dies tun zu können musste ich tatsächlich das erste Mal in meiner Schulzeit die Schule, bzw. die ersten beiden Stunden, schwänzen. Damals war ich in der 9. Klasse. Also bin ich mit dem Fahrrad in die Stadt und hab um Punkt 8:58 vor Karstadt gestanden, die Türen waren jedoch noch verschlossen. Als diese um 9:00 aufgingen bin ich schnurstracks in die Schallplattenabteilung und...... keine Pink Floyd LP weit und breit. Ich wollte schon zutiefst enttäuscht abrauschen als ein Mitarbeiter mit einem dicken Karton anrückte und heraus kam ein großer Stapel The Final Cut Exemplare. Also konnte ich doch noch meinen Herzenswunsch erfüllen und dampfte mit der Tüte in der Hand in die Schule und konnte es kaum abwarten das gute Stück zu hören. Denn ich musste ja warten bis die Schule vorbei war, schließlich hätte meine Mutter sich wohl ziemlich gewundert wenn ich „früher“ nach Hause komme und dabei eine Karstadt Tüte in der Hand gehalten hätte. Was man nicht so alles gemacht hat. Heiß gemacht worden war ich von Herrn Winfried Trenkler (denke ich zu mindest) schon in den beiden Wochen vorher wo jeweils ein einstündiges Pink Floyd Special lief. Im ersten gab es viele alte Songs und im zweiten glaube ich neben When the tigers broke free noch Stücke von The Final Cut. Das mitgeschnittene Material lief natürlich durchgängig bis zum Erscheinungstag.


Nun aber zur Scheibe selbst. “When the tigers broke free“ erschien ja erstmalig mit dem The Wall Film und die Single wenn ich nicht falsch liege 1982. Auf dieser, die ich im übrigen für grandios hielt und halte, wenn auch es natürlich nicht wirklich ein Singletaugliches Stück ist, wurde ja bereits das Album The Final Cut angekündigt. Zunächst gab es Gerüchte über das Spare Bricks Album welches Überbleibsel und andere (Film) Versionen von The Wall enthalten sollte. Als dann The Final Cut erschien entpuppte es sich jedoch als eigenständiges neues Album. Es behandelt bekanntermaßen die Themen Krieg, kalter Krieg, den drohenden Atomkrieg und den Tod von Roger Waters Vater noch intensiver als bereits auf The Wall. Im Grunde widmet Waters die Geschichte seines Vaters der Anti-Kriegsbewegung, und das Album wiederum seinem Vater.
Ob das Album nun tatsächlich aus Resten von The Wall gewachsen ist oder nicht ist an sich auch egal. Glauben tue ich es an sich nicht. Klanglich ist The Final Cut das wohl beste aller Pink Floyd Alben was auch am genutzten Holophonic Sound liegt. Bis heute kenne ich nur wenige Alben die so glasklar und vor allem so dynamisch klingen, insbesondere die 2005 aufgelegte Remasterversion. Und The Final Cut ist musikalisch wie textlich das wohl intimste, intensivste und berührende was Roger Waters je geschrieben hat. Die Texte wandern durch persönliche Erlebnisse (“The gunners Dream“, “The final cut“), politisches (“The post war dream“, “get your filthy hands off my dessert“, “One of the few“) und apokalyptisches („two suns in the sunset“) und vieles mehr.
Musikalisch hingegen hat es sicher ein Stück weit vom alten Pink Floyd Sound entfernt. Es wird viel auf Orchester gesetzt, gibt keine langen Stücke und auch die schwebenden, psychedelischen Sounds ebenso wie rockende Teile sind fast komplett verschwunden. Richtig gerockt wird an sich nur auf dem etwas schrägen aber trotzdem druckvollem “Not Now John“ welches gleichzeitig die wenig erfolgreiche Single stellte. The Final Cut ist ein deutlicher Fingerzeig auf das was Roger Waters anschließend Solo machen sollte. (Man höre nur sein Album The Pros and Cons of Hitchhiking welches musikalisch zwar dem Blues verschrieben ist vom Aufbau und der Dramatik her The Final cut sehr ähnlich ist).

Doch gehen wir einmal durch die Songs im Schnelllauf:
“The Post War Dream“: Ein dunkel verklärter aber noch fast milde gestimmter Einstieg mit erzählendem Gesangsstil. Hier sind die Soundeffekte bereits überragend eingesetzt.
“Your possible pasts“ Ein balladeskes Stück mit ergreifender Stimmung und diesem ausbrechendem Refrain: „Do you remember me? How we used to be? Do you think we shall stay closer?“
“One of the few“: Sehr experimentell. Das ticken der Uhr, die akustische Gitarre und der flüsternde, eindringliche Gesang.
“The Heros Return“: Ein druckvoller Song mit feiner akustischer Gitarre und grandiosem Sound.
“The Gunners Dream“: Eine der eindringlichsten Balladen die ich kenne. Klasse Gitarrensolo und ausdrucksstark gesungen.
“Paranoid Eyes“ Eine weitere traurige Ballade, fast schon dem Titel entsprechend manisch gesungen.
“Get your filthy hands off my dessert“: Ein Schrei, ein Zischen, eine Explosion. Der Soundeffekt hat mich damals (und meine Eltern samt Nachbarn) wie heute fasziniert. Das Stück selbst ist eine kleine ironische Abrechnung mit den damals aktuellen Politikern und vor allem der eisernen Lady an Hand des Falkland Kriges in Form eines Walzers.
“The Fletcher Memorial Home“: Eine nonchalante Geschichte über alte Kriegsherren und Politiker im Heim für versehrte Kriegsveteranen. Sehr zynisch. Musikalisch eine recht trockenes, folkiges Stück.
“Southhampton Dock“: Ein eher unauffälliges Stück auf einer intensiven Platte.
“The Final Cut“: Das ist nun wirklich die intensivste Ballade die ich kenne. Man kann den Schmerz den Roger Waters in diesem Trennungsstück darbietet körperlich fühlen. Dramatische Tempowechsel. Ein fantastisches Saxophonsolo in der Mitte und ein herzergreifendes Gitarrensolo am Ende. Ich kann noch heute zu diesem Stück Weinen oder Schreien.

“Not Now John“: Wahrscheinlich der Quotenrocker. Textlich eine seltsame Abrechnung Waters mit dem Musikbiz und anderen Dingen. Sehr seltsamer Rhythmus, fast schon ein Waverock Song. Gilmours Solo rettet das Stück, welches mir trotz allen Seltsamkeiten immer wieder in die Ohren kommt.
“Two Suns in the Sunset“: Im Rückspiegel des Autos sieht man zwei Sonnen: die Sonne und einen Atompilz. Und doch ist das abschließende Stück musikalisch sehr versöhnlich. Eine Ballade mit Saxophon und an die früheren Floyd erinnerndem Keyboard Sound. Auch hier sind die Soundeffekte (fahrende Autos, Radio) überragend. Wie gesagt, ein musikalisch versöhnlicher, textlich aber mahnender und nachdenklicher Abschluss aus einem intensiven Album.

Das auf dem Remaster nach “One of the Few“ eingefügte “When the tigers broke free“ habe ich absichtlich nicht erwähnt weil es in meinen Ohren nicht in das Album gehört. Es passt weder vom Sound noch von der symphonischen Musik her in das Album. Auch textlich an sich nicht.


The Final Cut wird von vielen Pink Floyd Fans nicht gemocht bzw. nicht als Band Album angesehen. Letzteres mag man gelten lassen können da es tatsächlich ein Roger Waters Alleingang war. Gilmour durfte nur bei einem Stück mitkomponieren (ausgerechnet bei “Not Now John“, Mason durfte nur selten trommeln, Wright war rausgeflogen. Einen Großteil der Musik hatte Waters mit Gastmusikern aufgenommen (By The Way, das taten die Gilmour Pink Floyd anschließend ebenfalls).
Für mich ist “The Final Cut“ ein sehr besonderes Album, deshalb auch meine persönliche Einleitungsgeschichte. Dieses Album hat mich musikalisch weiter geformt und dazu gebracht mich intensiv mit Texten zu beschäftigen – letztlich auch dazu selber Texte und überhaupt zu schreiben. Wenn ich Pink Floyd Sampler erstelle tauchen meistens keine Stücke des Albums auf – weil ich denke dass man es nur als ganzes hören kann. Und es war ein mutiges und starkes Antikriegsalbum das sehr gut die damalige Zeit beschreibt.

Für mich ist The Final Cut eines der stärksten Alben der 80er Jahre und ein wichtiges Puzzleteil meiner Jugend. Und somit schießt The Final Cut vorläufig auf Platz 1 meiner Liste.


Bewertung:

Musik: 8,5
Text(e): 10
Produktion, Klang: 10
Cover: 7,5

Gesamt: 15,5

Wolfgang Kabsch


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