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Artikel

BLACKFIELD - Songs gegen die Einsamkeit

Info

Gesprächspartner: Stephen Wilson (Blackfield, Porcupine Tree)

Zeit: 15.09.2004

Ort: Berlin

Interview: Telefon

Stil: (Progressive) Rock

Internet:
http://www.blackfield.org

Ein zeitloses Stück melancholischen Rocks mit viel Melodie hat uns Blackfield beschert, das Side Project des israelischen Songwriters Aviv Geffen und Steven Wilsons, seines Zeichens Sänger und Gitarrist der britischen Prog-Helden Porcupine Tree. Zwar ist ersterer noch nicht anwesend, als wir während der deutschen Promo Tour des ungleichen Duos in Berlin durchklingeln, aber Wilson gibt bereits gerne Auskunft über sein neues Projekt.

MAS:
In Deutschland wurde euer Album vor allem in der Metal-Szene sehr gut aufgenommen. War so etwas zu erwarten?

Steven Wilson:
Ich habe davon gehört und bin wirklich sehr überrascht. Blackfield ist in keinster Weise "heavy". Zwar ist die Grundstimmung sehr melancholisch und düster, aber es gibt kaum harte Gitarren, Riffs oder donnernde Drums. Wahrscheinlich liegt es eher daran, dass viele Journalisten, die das Album rezensiert haben, es sehr mit meiner anderen Band Porcupine Tree verglichen haben, die weit mehr mit der Heavy-Szene in Verbindung steht. Das könnte zu Vorurteilen geführt haben über andere Projekte, in die involviert bin. Das ist zwar zum Einen sehr positiv für mich, soll aber dennoch keine falschen Einschätzungen über das Blackfield-Album aufkommen lassen - es ist wirklich kein Metal Album.

MAS:
Ein Grund könnte auch das reichlich düstere Cover des Albums sein. Eine sehr alt aussehende Flasche mit dem Bandnamen darauf - wie kamt ihr auf das Motiv?

Steven Wilson:
Ich weiß nicht genau wie der Künstler auf dieses Motiv kam, aber für mich schien es das perfekte Cover zu sein. Denn was wir mit der Musik zu schaffen versuchen ist eine dunkle und melancholische Athmosphäre, aber auch eine sehr "alte". Als käme sie aus einer anderen Zeit, einer anderen Ära. Wir bekamen sehr viele musikalische Einflüsse aus dem "Goldenen Zeitalter" der Rockmusik, den 70ern, als viele klassische Rockalben aufgenommen wurden. Als wir mit dem Künstler über das Cover Artwork sprachen kam er auf die Idee, ein Motiv zu zeigen, dass etwas sehr altes, melancholisches und surreales ausdrückt. Wir wollten aber auch etwas nicht zu komplexes - dieses verblassende Foto einer Flasche mit dem Schriftzug "Blackfield" darauf passte da perfekt.


MAS:
Wie kamt ihr auf den Namen "Blackfield"? Der Song "Blackfield" war schließlich nicht der erste, den ihr gemeinsam geschrieben habt.

Steven Wilson:
Es war nicht der erste, aber einer der früheren. Als wir begannen gemeinsam Musik zu machen hatten wir noch keinen Namen für das Projekt, wir schrieben einfach nur Songs. Als wir irgendwann vor der Aufgabe standen einen Namen zu finden haben wir ihn vom Song "Blackfield" übernommen, er am besten passte.
Der Name des Songs stammt aus einer kindlichen Erinnerung. Es war ein Ort an dem ich mit meinen Freunden rumgehangen habe als ich noch sehr juge war, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt. Der Platz war in einer sehr ländlichen Gegend. Als wir uns eines Tages wieder dort trafen haben die Bäume und das Gras Feuer gefangen, vielleicht durch eine Zigarette, die jemand dort liegen gelassen hat, oder durch die stark scheinende Sonne. Das ganze Gras war verbrannt und schwarz - diese Erinnerung vom schwarzen Feld - black field - habe ich seitdem im Kopf, und davon handelt auch der Song. Aber der Name passt auch perfekt als Name für das Projekt, da er genau die Gefühle ausdrückt, die wir in unserer Musik vermitteln.

MAS:
Die meisten Songs des Albums wurden von Aviv Geffen geschrieben. Trotzdem ist in manchen Magazinen zu lesen, dass Blackfield nur wie ein weiteres Porcupine Tree Album klingt. Wie kommt es deiner Meinung nach zu diesem Missverständnis?

Steven Wilson:
Die Leute hören auf sehr verschiedene Weise - zweifelsohne gibt es einige sehr offensichtliche Verbindungen zu dem, was Porcupine Tree macht. Aber es gibt auch sehr offensichtliche Verbindungen zu dem, was Aviv Geffen macht. Ich glaube, dass die Leute, die so etwas schreiben zwar meine Musik kennen, nicht aber die von Aviv. Deshalb bemerken sie nicht die Elemente, die er hineingebracht hat. Wenn ich unser Album höre erscheint es mir sehr unterschiedlich zu Porcupine Tree aus einem ganz bestimmten Grund: Ich habe noch nie solche kurzen, direkten und eingängigen "Pop"-Songs geschrieben. Bei PT geht es vielmehr um komplexe Arrangements, Gitarrensoli und solche Dinge. Aviv hingegen ist darauf spezialisiert prägnante Popsongs zu schreiben, in etwa so wie Paul McCartney es noch heute zu tun pflegt. Ein Album wie Blackfield zu schreiben, auf dem 10 Songs innerhalb von 37 Minuten gespielt werden, ist für mich eine ganz neue Erfahrung. Aber ich bin glücklich darüber. Ich habe immer Musiker beneidet, die in der Lage sind direkte, kurze Popmelodien zu schreiben. Da liegt eben der Hauptunterschied zu Porcupine Tree - bei Blackfield schreiben wir klassische, dreiminütige Popsongs.

MAS:
Viele andere Bands würden als kommerziell verschrien werden wenn sie solche leichten und eingängigen Melodien benutzen würden, doch die Musik von Blackfield behält etwas sehr natürliches.

Steven Wilson:
Genau das finde ich auch. So etwas lässt sich sehr schwer planen, entweder es funktioniert oder es funktioniert nicht. Aber das ist genau der Hauptgrund, weshalb ich so gerne mit Aviv arbeite: Er hat die Fähigkeit diese kurzen Songs zu schreiben, die einen sehr klassischen Stil haben. Dieses simple Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Muster ist eines, dass bereits seit vielen Jahrzehnten erfolgreich verwendet wird, aber mir persönlich liegt es einfach nicht so sehr. Bei Aviv ist es anders, er kann solche Songs schreiben, ohne dass sie künstlich oder gezwungen klingen. Das ist genau die Essenz von Blackfield, und gleichzeitig auch der größte Unterschied zu Porcupine Tree: Simple und direkte Songs, die aber nicht billig oder kalkuliert wirken.

MAS:
Aber ihr habt auch viele sehr düstere Songs geschrieben, wie etwa "Blackfield", "Scars" oder "Cloudy Now". Das verleiht eurem Album etwas ungeheuer Melancholisches und klingt nicht so, als würde es von sonderlich glücklichen Menschen stammen...

Steven Wilson:
Genau solche Fragen werden mir auch oft über die Texte von Porcupine Tree gestellt. Bei Aviv ist es genauso, seine Musik tendiert auch sehr zum Melancholischen und Negativen. Er hat sicherlich mehr Gründe dazu, denn er lebt in einem Land, dass viele Probleme und Schwierigkeiten beherbert, so etwas beeinflusst jemanden natürlich.
Bei mir selbst ist der Grund folgender: Man kann entweder sagen, dass jeder Mensch in seinem Leben manchmal "unglücklich" ist - oder, dass jeder manchmal "glücklich" ist. Die Frage ist nur, welche Art von Emotionen man in künstlerischer Hinsicht behandeln möchte. Aus irgendeinem Grund habe ich mich immer mehr zur melancholischen Seite hingezogen gefühlt. Vielleicht, weil meine Songs für mich immer eine Methode waren, mich mit der unglücklichen, negativen oder dunklen Seite meiner Persönlichkeit auseinanderzusetzen.
Ich glaube, dass Menschen auf solche Songs viel mehr reagieren als auf glückliche Songs. Bei mir selbst habe ich festgestellt, dass ich mich zu Songs anderer Musiker viel mehr hingezogen fühle, wenn sie melancholische oder negative Gefühle transportieren. Wenn man jemand anderes über solche Gefühle reden hört, merkt man, dass man nicht alleine ist. Andererseits wirken glückliche Songs auf mich eher deprimierend, denn sie scheinen keinen Bezug zu mir und meinem Leben zu haben. Natürlich bin auch ich manchmal glücklich, aber wenn ich glücklich bin brauche ich keinen anderen, der mir erzählt wie wundervoll das Leben ist, denn dann fühle ich das ja selber.
Es geht also nur darum, Menschen das Gefühl zu geben nicht alleine zu sein. Und ich glaube, dass Musik im Leben jedes Menschen eine sehr wichtige Rolle einnimmt. Mit Blackfield wollen wir erreichen, dass die Leute beim Hören der Songs merken: "Das hat etwas mit mir zu tun, genau so fühle ich mich auch und ich bin damit nicht alleine."

MAS:
Normalerweise wird Aviv Geffens Musik hauptsächlich beeinflusst von Politik und Gesellschaft...

Steven Wilson:
Nicht unbedingt. Aviv beschäftigt sich in seinen Solo Arbeiten natürlich mit der Politik und der Situation in seinem Land, aber er hat auch viele sehr persönliche Songs geschrieben. Es ist unmöglich, in Israel als Musiker tätig zu sein und nicht durch die Probleme des Landes beeinflusst zu werden. Natürlich hat er solche politischen Songs geschrieben, und manche von ihnen wurden fast zu Hymnen für die jüngere Generation. Aber Blackfield ist ein internationales Projekt. Wir singen englisch und promoten es auf der ganzen Welt. Deshalb haben wir uns entschieden, die politische Situation in Israel aus den Songs herauszuhalten und stattdessen über Dinge zu singen, die jedes menschliche Wesen betreffen.

MAS:
Letzten Freitag habt ihr mit Anathema ein Konzert in London gegeben. Wie kamt ihr beim britischen Publikum an?

Steven Wilson:
Es war fantastisch. Eine wirklich großartige Show. Ich war ein wenig besorgt, weil ich mir nicht sicher war, wie Aviv vom Publikum aufgenommen werden würde. Aber es war klasse, wir haben gut gespielt und das Publikum war wunderbar. Jeder, mit dem wir anschließend darüber gesprochen haben, fand das Konzert großartig. Wir sind froh, dass wir dort gespielt haben und freuen uns auf die Tour im November.

MAS:
Werdet ihr auch in Deutschland spielen?

Steven Wilson:
Klar, die genauen Daten stehen zwar noch nicht fest, aber es wird auf jeden Fall auch fünf oder sechs Shows in Deutschland geben.

Diskografie


MAS:
Wie wichtig ist es für euch live zu spielen? Das Album Blackfield klingt mit seinen vielen Studio-Effekten schließlich nicht gerade wie das einer typischen Live-Band.

Steven Wilson:
So etwas könnte man auch über Porcupine Tree sagen, und es ist auch nicht ganz einfach. Wenn wir im Studio sind wollen wir uns nicht durch den Gedanken einschränken lassen, wie sich das alles live umsetzen lässt. Wenn man 16 Stimmen will, die alle denselben Refrain singen, dann ist das unmöglich wenn man gleichzeitig eine Möglichkeit sucht, das in Konzerten umzusetzen. Daher klingt Blackfield live etwas anders als auf dem Album, die Songs wurden angepasst um den Anteil der Sounds minimieren, die vom Band kommen. Wir werden mit einer fünfköpfigen Band unterwegs sein und es klingt wirklich gut - ich bin sehr zufrieden damit, wie Blackfield zu einer Band mit Live-Performance gemacht haben.

MAS:
Zum Schluss interessiert mich noch, ob Blackfield ein einmaliges Projekt ist oder ob weitere Produktionen geplant sind.

Steven Wilson:
Wir haben für nächstes Jahr bereits geplant, ein zweites Album in Angriff zu nehmen. Die Reaktionen auf Blackfield sind so gut, dass wir auf jeden Fall so lange damit weitermachen werden, wie wir und die Fans Spaß daran haben.

Hendrik Stahl


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