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Play Latin #6

Und wieder einmal ein Flug über Lateinamerika in all seinen musikalischen Varianten. Fangen wir mit zwei Spezialitäten an.

Hareton + Meta’s
KM110
Mr. Bongo/ Harmonia Mundi
EP/ 4 Tracks
Psychedelic Brazil
Seit Jahren gibt es besonders im Club Music-Bereich Sammler von brasilianischen Raritäten der Siebziger Jahre. Eine der meist gesuchten Veröffentlichungen ist Hareton + Meta’s KM110 EP von 1971, die jetzt wiederveröffentlicht wurde. Inbrünstiger Gesang und Orchestrales vermischt sich hier mit Hall-Experimenten. Damals brach auch auf Brasilien die psychedelische Musik herein und wirbelte Einiges durcheinander. Ein flippiges Zeitgeistdokument im passenden Cover.

Chano Doínguez & Nino Josele
Chano & Josele
Calle54 Records/ Sony Music
54:51 min
Brazil-Spain-Crossover
Der spanische Jazzpianist Chano Domínguez und sein Landsmann, Gitarrist Nino Josele, der im Flamenco verwurzelt ist, wollten die ausgetretenen Pfade des Flamencojazz verlassen und versuchen sich im Duo mit einer für Flamenco sowieso unkonventionellen Kombination von Instrumenten in einem weitläufigeren Repertoire. So mag man z. B. Stücke der Beatles durchaus im Flamenco-Stil spielen können, deren Stück „Because“ ist jedoch nicht unbedingt das strukturell geeignetste dafür. Dennoch zeigen die beiden gerade hierbei, wie man die Wahrnehmung von Gewohntem verändern kann, einer Komposition noch viel abringen kann. Einer der Schwerpunkte der Stückeauswahl liegt jedoch in Brasilien von Tom Jobim bis Pixinguinha. Dazu kommen noch einige Filmmusiken. Das Spiel des Duos ist von häufiger Korrespondenz der beiden Instrumentalisten geprägt und wechselt stimmungsmäßig zwischen Kammermusik, Jazz, Flamenco und eingängiger Melodik. Sinnlich, rhythmisch und eklektisch zugleich. Für Freunde des Entdeckenswerten.

Koschitzki/ Pereira
Brasil Antigo
Personality Records/ in-akustik
41:33 min
Brasilien/ Choro
Und noch ein Duo. Es gibt einige berühmte Musikstile in Brasilien wie Samba oder Choro, doch schaffen es daraus relativ selten Alben auf den deutschen Markt bzw. in die Promotion. Bei dem Album von Stefan Koschitzki (Klarinette, Flöte) und Fabiano Pereira (siebensaitige Gitarre) ist dies anders und es liegt wohl auch daran, dass dies eine deutsche Produktion ist. Erstaunlich, wie stilsicher die Beiden diese agile und fröhliche Musik hinbekommen, die normalerweise in größeren Ensembles gespielt wird. Das Duo spielt die manchmal über 80 Jahre alten Stücke von Pixinguinha oder Jacob do Bandolim äußerst virtuos.

Marisa Monte
Verdade, Uma Ilusao
EMI/ Universal Music
65:10 min
MPB
Eigentlich hat Marisa Monte auf ihrem neuen Live-Album die besten Voraussetzungen: Sie wird von der Rhythmusgruppe der innovativen brasilianischen Gruppe Nação Zumbi begleitet, viele Songs sind von ihren nicht weniger bekannten Kollegen Carlinhos Brown und Arnaldo Antunes. Und doch will dieses Album nicht so recht zünden. Monte singt wie die inszenierte Glückseligkeit, als hätte sie einen Kloß im Hals, aber gewohnt lasziv und beseelt und von Streichern umwoben. Die Stücke geben vor Ohrwürmer zu sein, wozu ihnen aber das eindeutige Potential fehlt. Für brasilianische Verhältnisse sind es zu einfache Harmonien, der Klang ist zu verhallt, rhythmisch bewegt man sich fast durchgängig im Midtempo, ohne große Varianten. Es gibt keinerlei Zugeständnisse an den Zeitgeist, was nicht unbedingt verkehrt ist. Aber nach einer Weile hat man das Gefühl, einer belanglosen Italo-Pop-Platte aus den Sechzigern zuzuhören und dann: Im 13. Titel gibt es tatsächlich ein Stück der italienischen Sängerin Mina Mazzini. Nun passt alles zusammen und wir könnten auch „Schlager“ dazu sagen.

The Windwalkers
La Guagua
Mons Records/New Arts International
57:13 Min
Latin Jazz
Viel Wind kommt aus den Blechinstrumenten der Windwalkers. Die Mannheimer Band um den kolumbianischen Perkussionisten Mario Maradei Gonzalez überzeugt mit rasanten Bläsersätzen und anspruchsvoller Rhythmik, insbesondere im Stück „Ser“. Ein Hauch Funk, ein guter Schuss europäischer Jazz und eine ziemlich vibrierende Version von Herbie Hancocks „Maiden Voyge“: Man merkt, Latin Jazz aus Deutschland muss keineswegs akademisch klingen. Die Band bewegt sich eher auf den energievollen Spuren von Irakere & Co.


Pedra Préta
Bom Pa Ti
Unit Records/ JaKla/ harmonia mundi
50:59 Min
Brazil Jazz
Pedra Préta – der schwarze Stein. Im brasilianischen Kosmos ist das Salvador de Bahia und genau dort fand das gleichnamige, italo-brasil-schweizerische Trio zusammen. Atemberaubende Gitarren- und Cavaquinho-L äufe á la Al di Meola und ungewöhnliche Rhythmen versetzen in Staunen. So hat man Brazil Jazz noch nicht gehört. Es ist die perfekte Mischung zwischen brasilianischem Song, Jazz und Rock. Selbst bei langsamen Titeln bestechen Ideen wie das Unisono-Spiel. Saitenvirtuose Munir Hossn ist die treibende Kraft. Wenn es sein muss, drückt er auch mal den Distortion-Schalter und fetzt Brasilien in das Punk-Universum. Gelegentlich ist aber auch der Einfluss von Gilberto Gils Funk-Phase erkennbar. Und sogar typische Riffs aus der Musik Malis verirren sich in diese halsbrecherische Musik.

Manuel Valera And New Cuban Express
In Motion
Criss Cross Jazz/ harmonia mundi
63:15 min
Latin Jazz
Manuel Valera ist ein weiterer, nach New York ausgewanderter kubanischer Musiker, der einen fragen lässt, wie aus einem Land wie Kuba derart viele talentierte Pianisten kommen können. Seine Musik ist ähnlich komplex wie die von bekannten Kollegen wie Chucho Valdes. Sie schillert geschickt zwischen kubanischer Dynamik und jazzigem Verve, wobei sich im Klavierspiel Einflüsse von McCoy Tyner bis Keith Jarrett zeigen. Virtuos gespielt, aber die Kompositionen ähneln sich allerdings noch zu oft in ihrer Struktur.


DJ Dolores
Banda Sonora Música para Filmes
Far Out Recordings/ H’Art
42:46 min
Brasilien, Electro
Der Brasilianer DJ Dolores stammt aus der innovativen, legendären Truppe von Nação Zumbi und hat sich einen Namen mit unorthodoxen elektronischen Klängen gemacht. Sein neues Album spielt mit Erinnerungen an seine Zeit als Komponist für brasilianische Filme, wirkt aber eher wie ein Skizzenbuch oder eine Ansammlung von Outtakes. Rhythmen aus aller Welt, von Indien bis Nigeria kombiniert er mit Synthesizern, Balkan Brass, brasilianischen Instrumenten, Gitarrenklangwolken und viel Dub-Effekten. Nur weniges davon ist griffig genug und insbesondere die Gesangsstücke sind ausgesprochen langweilig. Worldbeat, der seine Möglichkeiten nicht ausschöpft.

Marcos Valle/ Stacey Kent
Ao Vivo
Sony Music
68:00 Min
MPB
Marcos Valle ist einer der bedeutendsten Vertreter der Bossa Nova der zweiten Generation. Das ist inzwischen auch schon einige Zeit her, weshalb er jetzt schon sein 50. Jubiläum als Musiker feiern konnte. Um dies zu würdigen, hat er sich mit der bekannten und in Sachen Brasilien recht erprobten amerikanischen Jazzsängerin Stacey Kent sowie einem kleinen Orchester zusammengetan und eine gemeinsame Live-Aufnahme mit ausschließlich Valles Kompositionen veröffentlicht. Trotz dieses große Erwartungen hervorrufenden Namedroppings meint man teilweise, sich in ein Barjazz-Album verirrt zu haben. Was hier als leicht-luftig-lockere Lässigkeit gedacht ist, wirkt auch in der Orchesterbegleitung belanglos. Marcos Valles Musik ist zwar generell als eher relaxed einzustufen, dennoch kann er in Konzerten manchmal sehr energievoll rüberkommen, was ihm hier gar nicht gelingt. Stacey Kent wiederum hat ein Händchen für intime Stücke, doch auch hier wirkt das meiste zu brav und man wundert sich zudem, dass für ein Konzert in Rio derart viele englischsprachige Titel präsentiert wurden. Schade, von beiden hat man schon Besseres gehört.

Che Sudaka
Hoy
Gas/ Flowfish Records/ Broken Silence
39:13 Min
Mestizo/ Cumbia-Punk
Die kolumbianisch-argentinische Band Che Sudaka, die allerdings in der Mestizo-Metropole Barcelona ansässig ist, verkauft sich gerne als Cumbia-Ska-Punk-Band. Dabei fällt auf, dass der Begriff Punk bei Weltmusik-Bands gerne vorschnell eingesetzt wird, wenn schon nur eine E-Gitarre zu hören ist und eine gewisse Partytauglichkeit der Musik gepflegt wird. Mit Punk hat das eigentlich musikalisch nichts zu tun bis auf die Tatsache, dass ein Titel etwas an die Musik der irischen Pogues erinnert. Vielmehr sind durchaus herzerwärmende und gar unpunkige Titel auf dem Album und eine traditionelle Cumbia-Band dürfte sich des Öfteren fragen, wo bei Che Sudaka die Cumbia geblieben ist. Dennoch schafft es die Band, leicht konsumierbare Melodien mit hohem Mitsing-Charakter hinzubekommen, was auch ihr Erfolgsrezept sein dürfte und da wird die Frage nach der Stilistik letztlich unwichtig.

Hans-Jürgen Lenhart


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