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ROCK AM TUNNEL 2004

Die größte Änderung beim diesjährigen Rock Am Tunnel war wohl die Tatsache, dass man im Gegensatz zu vorher gratis das Gelände betreten konnte und ab jeweils 19.30 Uhr einen kleinen Obolus für die Teilnahme an diesem Event entrichten musste. Dies wird wohl auch der Grund gewesen sein, weswegen (zumindest am zweiten Tag dieses Ereignisses) nicht ganz so viele Musikfans wie in den Vorjahren nach Rieneck gepilgert waren, denn an den ganz passablen Witterungsverhältnissen und dem gelungenen Billing kann es eigentlich nicht gelegen haben. Uns jedoch hielt auch im Jahre 2004 nichts davon ab, in der Nähe des kleinen Spessartdörfchens zumindest für einen Abend lang abzurocken.

Gleich von null auf hundert ging es mit dem Opener des heutigen Billings, denn bei Spitting of Tall Buildings hat sich die große Tourerfahrung dieser Band gleich bezahlt gemacht. Die Berliner boten eine routinierte Bühnenshow, bei der die Hauptakteure wahrscheinlich nicht eine Sekunde stillstanden. Blickfang der Truppe war natürlich die quirlige Frontfrau Bonnie Riot, die mit ihrem enormer Einsatz die Musik der Band fast zur Nebensache verkommen lies. Das war im Endeffekt auch gar nicht allzu schlimm, denn bei den recht oldschool-lastigen Girlpunk-Nummern waren nur ein paar recht aussichtsreiche Kanditaten vertreten, während der Rest ein wenig zum Gähnen animierte oder vereinzelt sogar identisch mit einem bereits dargeboten Song war. Alles in allem haben die Jungs und das Mädel ihre Aufgabe aber denoch erfüllt, da das Publikum nun genügend angeheizt war um den Rest dieses Festivals in Betriebstemperatur genießen zu können. Wenn die Hauptstädter bei ihrem nächsten Gigs den Rest ihres Programms an ihre paar Glanzlichter anpassen, dann bleibt mein Mund wohl vor Staunen und nicht von diversen Müdigkeitsbekundungen geöffnet.


4Backwoods

Schon zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn machten die 4Backwoods in Rieneck Station, und diesmal hatten sie für das anwesende Volk sogar ihr brandaktuelles Debütalbum The Dream I Live In mit im Gepäck. Neben den äußerst gelungenen neuen Songs wurden auch jede Menge altbekannte Elemente, wie z.B. das berühmte "Wer-am-meisten-zu-unserer-Musik-abgeht-bekommt-eine-CD"-Spiel und natürlich auch Klassiker des Demos "These Little Things" dargeboten. Die bandeigene Titulierung des 4Backwoods-Sounds traf auf jeden Fall auch bei den neuen Werken der Kölner Truppe den Nagel voll auf den Kopf, denn eine bessere Bezeichnung als "Streetrock mit Ohrwurmqualität" könnte man als Überschrift für das Treiben auf der Rock-Am-Tunnel-Bühne wohl nicht wählen. Mehr Rock, weniger Rap! So muss das sein. Unterbrochen wurde diese Linie durch die recht unnötige, sprechgesanglastige Coverversion von "California Love", die zwar beim Publikum gut ankam, aber in ähnlicher Form vor ein paar Jahren schon einmal die internationalen Charts erklomm und deshalb nicht unbedingt den Höhepunkt der Orginalität darstellte. Ebenfalls etwas aus dem Rahmen fiel die Ballade "Fool`s Song", bei der Sänger Daniel Wagner unter Zuhilfenahme einer Akustikgitarre eine One-Man-Show bot und seinen Kollegen - laut Aussage des Frontmannes - eine Pinkelpause gönnte. Als die Rheinländer nach vollbrachter Arbeit dann komplett der Bühne den Rücken zukehrten, forderten die Zuschauer noch ein paar Zugaben. Doch obwohl dieser Wunsch wegen des eng gesteckten Festivalzeitplanes nicht gewährt werden konnte, kann man sich wenigstens sicher sein, dass es um den Rocknachwuchs in Deutschland, ganz im Gegensatz zu seinen Fußballern, nicht allzu schlecht bestellt ist. Ist doch auch schon was.



Für alle, die nun eine kleine Abkühlung benötigten, waren Eisbrecher mit ihrem Elektro-Trip-Rock wohl genau das Richtige. Nach einem stimmungsvollen Intro tauchten die passenderweise in Seemannsuniformen gekleideten Mannen um Ex-Megaherz-Frontmann Alexx Wesselsky im Blickfeld der Zuschauer auf. Wie man den Ansagen des Sängers im Laufe des Auftritts entnehmen konnte, war Herr Wesselsky wohl alles andere als gut auf seine ehemalige Band zu sprechen. Eigentlich sollte er ihr schon etwas dankbar sein, da bei den wenigen Interpretationen von Megaherzstücken die beste Stimmung in den Zuschauerreihen herrschte. Das Eisbrechermaterial hingegen bewegt sich musikalisch zwischen UEFA-CUP ("Willkommen im Nichts", "Schwarze Witwe", "Mein Blut", "Fanatica") und Kreisklasse (der Großteil des restlichen Programms) und diese Unbeständigung stellt gleichzeitig das größte Manko bei Wesselsky, Pix und Co. dar. Optisch gab es jedoch nichts zu mäkeln, da die Band durch ihre rammsteinartige Gestik und der enormen Ausstrahlung ihres Sängers, der seinen Humor übrigens an das kühle Image der Band anpasste, so einige Schwachstellen im Songwriting wettmachte. Als letzten Track gab es mit "Miststück" noch das bekannteste Stück der Megaherz-Ära, dementsprechend brachen auch im Publikum alle Dämme und die Fans standen wie ein zusätzliches Mitglied hinter den Musikern. Falls die Band das Niveau ihrer Songs auf der nächsten offiziellen Scheibe aufrecht erhält sehe ich für die Truppe eine äußerst rosige Zukunft, aber momentan würde ich zur Abkühlung eher einen grossen Eisbecher statt den Neuen-Deutsche-Härte-Sounds Marke Eisbrecher bevorzugen.


Gun Barrel

Eigentlich schade, dass nach dem Auftritt der Elektro-Trip-Rocker auch der Großteil des anwesenden Volkes den Rückzug nach Hause bzw. in die Bar antrat und nur eine kleine Gruppe vor der Bühne verharrte um zusammen mit Gun Barrel das Festival ausklingen zu lassen. Diese haben dieses Jahr sogar einen Platz beim ehrwüdigen Wacken Open Air sicher, und allen Besuchern dieses Events, die neben den härteren Klängen auch auf rockige Musik zum Abfeiern stehen, kann ich nach meinen Eindrücken vom Rock Am Tunnel Festival den Besuch des Gun Barrel-Konzertes auf der WET-Stage nur empfehlen. Trotz der bescheidenen Zuschauerzahl rockten die Kölner, deren Herkunft man spätestens erkannte sobald Gitarrist Rolf mit seinem ulkigen Dialekt ins Mikro plabberte (es sei angemerkt, dass der Autor dieser Zeilen ein Franke ist und daher noch deutliche Schwierigkeiten beim Verstehen von richtigem Deutsch hat - Anm.d.Red.), sprichwörtlich wie die Sau und der musikalische Mix aus The Darkness und Running Wild schien bei den letzten Überlebenden dieses Events auch super anzukommen. So entschwand, als der letzte Ton verklungen war, jeder Festivalbesucher mit einem Grinsen im Gesicht in die Nacht und wir freuen uns jetzt schon auf's nächste Rock Am Tunnel, denn irgendwie ist dieses Ereignis in unserer Bereichterstattung fast schon zu einer Institution geworden. Wir sind auf jeden Fall zuversichtlich, dass auch die Besucheranzahl bald wieder alte Höchstmarken erreicht, da jeder der Daheimgeblieben einen leckeren Kessel bunter Rockmusik verpasst hat und diese Kunde dürfte wohl mittlerweile zu allen notorischen Eintrittsgeldboykotteuren durchgedrungen sein.

Fotos: Nadine Jost

Manuel Liebler


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