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My Bloody Valentine im Überblick: Isn’t anything, Loveless und EPs 1988-1991 neu veröffentlicht

Gibt es eine verächtlichere Bezeichnung für einen vermeintlichen Musikstil als Shoegazing (das Schimpfwort „Hausfrauenrock“ mal ausgenommen)? Eine der einflussreichsten Bands, die eine Latte Effektgeräte vor ihren Fußen aufgereiht hat um damit lärmig-verträumte Sounds zu erschaffen, sind zweifelsohne die irisch/britischen My Bloody Valentine (benannt nach dem gleichnamigen Horrorfilm aus 1981). Vor allem für ihr zweites Album Loveless werden sie heute noch vielfach verehrt. Aus Einflüssen von verschiedenen Gruppen wie den Beach Boys, Sonic Youth, The Velvet Underground, Wire und den kurz vor ihnen gestarteten The Jesus and Mary Chain kreierte die Band ihren eigenen kleinen Klangkosmos. So richtig existierten My Bloody Valentine nur rund ein Jahrzehnt. Seit 2007 gab man aber wieder vereinzelte Konzerte. In ihrer aktiven Zeit wurden nur zwei Alben sowie einige Singles und EPs veröffentlicht. Bandkopf Kevin Shields nahm sich jetzt sein Werk zur Hand und remasterte die alten Platten im Studio. So kommt jetzt der Backkatalog der Band wieder neu verpackt, in nach Doppel-LP aussehenden Pappschubern, auf den Markt. Und zwar nicht nur das Debütalbum Isn’t anything und das genannte Loveless, sondern auch eine Doppel-CD, welche vier EPs sowie ein paar Single-Tracks und auch unveröffentlichte Songs enthält. Schauen wir mal genauer hin.



Isn't anything


Nach ein paar EPs und Singles kam der erste Longplayer von My Bloody Valentine im November 1988 auf den Markt und präsentierte eine Band die hörbar ein wenig auf der Suche nach ihrem Stil war. So klingt Isn’t anything noch etwas unausgegoren, überzeugt aber mit seinem schrägen Charme und seiner relativen Vielfalt. Im Gegensatz zum Zweitling befinden sich hierauf auch noch zahlreiche flottere und schmissige Indierock-Songs, wie das treibende „Feed me with your kiss“ und das mit einer poppigen Gesangslinie gefallende „(When you wake) You’re still in a dream“. Doch auch hier wir die Formel der Band relativ klar: unter einem meist dröhnenden Gitarrenwall und wummerndem Bass werden zur oft schrammelnden Akustikgitarre kleine, einfache, teils poppige Songs versteckt. Der abwechselnd weibliche und männliche Gesang ist hier zweitrangig und nicht wirklich besonders heraus gearbeitet. Aber diese schluderige Herangehensweise sorgt für den eigenartigen Charme der Band.
Wie dann aus einfachen Mitteln coole Stücke mit einem gewissen Hypnosepotenzial entstehen, zeigen beispielsweise „Cupid come“ oder auch das ätherisch flirrende „All I need“, das einen Vorgeschmack auf weitere Taten liefert. Hervorhebenswert sind nebenbei „No more sorry“, das mit seinen verfremdeten, übereinander gelegten Gitarrenspuren ein regelrecht verträumtes, kammermusikalisches Flair verbreitet, das gemütlich groovende „You never should“ und das auf schrägen Gitarrendrones und tuckerndem Bass aufbauende und damit typisch klingende „Soft as snow (but warm inside)“. Hier ist der Gesang auch noch recht lebendig, während er im weiteren Verlauf recht verschlafen und abwesend klingen kann. Zusammenfassend ein immer noch interessantes Album, das allerdings sehr in seiner Zeit verhaftet klingt. Damals war die LP aber zweifelsohne eine große Inspiration für gleichgesinnte Musiker. Die Schönheit der einzelnen Stücke will erst entdeckt werden und er wer auf klare Sounds und Strukturen steht, sollte eh einen großen Bogen um die Band machen. Denn das hier klingt eher nach verkratzten, verschwommenen Polaroid-Photos, anstatt nach High Definition.

1. Soft as Snow (but Warm Inside) (2:21)
2. Lose My Breath (3:37)
3. Cupid Come (4:27)
4. (When You Wake) You’re Still in a Dream (3:16)
5. No More Sorry (2:48)
6. All I Need (3:04)
7. Feed Me with Your Kiss (3:54)
8. Sueisfine (2:12)
9. Several Girls Galore (2:21)
10. You Never Should (3:21)
11. Nothing Much to Lose (3:16)
12. I Can See It (but I Can’t Feel It) (3:10)
Spielzeit: 37:48



Loveless


Nach ein paar weiteren kleineren Veröffentlichungen schlug im November 1991 dann die Stunde von Loveless. Zwar von der Kritik hoch gelobt, war es trotzdem kein richtig großer kommerzieller Erfolg, so dass sich die Band kurze Zeit später auflöste. Mit einem gemutmaßten, verbrauchten Budget von 250.000 Pfund brachte man das damalige Label Creation Records zudem in Bedrängnis. Doch aus heutiger Sicht hat sich die Arbeit gelohnt. Denn Loveless ist einer der großen Klassiker des Alternative Rock. Und hierauf geht das Quartett noch mehr in die Breite und es sind verstärkt als vorher die schrägen, teils regelrecht massiven Sounds die richtig begeistern und nicht die Songs die an sich eher simpel gestrickt sind und manchmal fast wirken, als wären sie nur zweitrangig gewesen. Letzteres schlägt sich vor allem im Gesang nieder, der ziemlich verschlafen klingt - besonders wenn Gitarristin Bilinda Butcher ihre Stimme erhebt. Laut eigenen Angaben sei dieser auch spät in der Nacht aufgenommen worden, was als Erklärung gelten soll. Auch ein klares Zeichen dafür, dass hier die Musik selbst wichtiger als der Rest war.
Aber was soll’s, denn My Bloody Valentine verstehen es bereits mit dem eröffnenden „Only shallow“ den Hörer in seinen Bann zu ziehen. Das Album startet mit massiven Gitarren- und Basssounds. Dazu gesellt sich der helle Gesang und klare Akkorde, die das Ganze wie auf Wolken schweben lassen. Die Kombination aus schwebender Atmosphäre und erdendem Bandsound zieht sich noch weiter durch das ganze Album. Seien es Titel wie „Loomer“, „To here knows when“ oder „Blown a wish“, das schon fast Dreampop in Reinkultur darstellt. Während der Rhythmus meist aus geloopten Drumpatterns besteht (Schlagzeuger Colm Ó Cíosólg musste während der Aufnahmen kürzer treten), gibt sich Kevin Shields viel Mühe alle möglichen interessanten Klänge aus seinen sechs Saiten heraus zu holen, was zu faszinierenden, bisweilen ziemlich lärmenden, Texturen und Effekten führt.
Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte sich vor allem „Soon“, den bis heute bekanntesten Titel der Band, anhören, der My Bloody Valentine sehr gut repräsentiert. Dieser Re-Relase erscheint als Doppel-CD, welches einen alternativen, aus den originalen Analog-Tapes vom damals erstellen Mix enthält - wobei sich dieser nicht zu sehr vom gut klingenden Remaster unterscheidet.

1. Only Shallow (4:17)
2. Loomer (2:38)
3. Touched (0:56)
4. To Here Knows When (5:31)
5. When You Sleep (4:11)
6. I Only Said (5:34)
7. Come in Alone (3:58)
8. Sometimes (5:19)
9. Blown a Wish (3:36)
10. What You Want (5:33)
11. Soon (6:58)
Spielzeit: 48:36



EPs 1988-1991


Eine komplette Neuerscheinung ist die Doppel-CD EPs 1988-1991. Der Name sagt schon in etwa was drinsteckt: vor allem die Songs der vier zwischen August 1988 und Februar 1991 erschienen EPs „You made me realise, Feed me with your kiss, Glider“ und Tremolo in originaler Version und Reihenfolge. Dazu gesellen sich noch ein paar Single-B-Seiten und auch drei komplett unveröffentlichte Lieder. Das macht das Paket zu einer richtigen Fundgrube für zu spät geborene Fans und Sammler.
Die EPs unterscheiden sich teils ziemlich und zeigen My Bloody Valentine nicht selten in Experimentierlaune. So finden sich zwischen Lo-Fi-Songs schräge Instrumentalstücke wie zum Beispiel „Glider“ (auch in einer überlangen Version enthalten), luftig Freakiges wie „Off your face“ und auch „Swallow“, das mit einer orientalisch anmutenden Melodieführung und entsprechender Perkussion überrascht. Der Übergang von einfacheren, lebendigen (Indie-)Songs bis zur Klangfülle der Loveless-Kategorie ist gut nachzuvollziehen. Die drei erstmals zu hörenden Songs „Angel“ (locker treibender und heller Titel im MBV-Frühsound), „Good for you“ (angenehm zu führendem Bass schlendernder Indie-Popper mit Lärmeinschub) und „How do you do it“ (treibend rockig mit noisig flirrenden Gitarrensound) sind nicht ganz uninteressant und keineswegs nur Archivschrott um Spielzeit zu schinden.
Am Ende hat Kevin Shields mit EPs 1988-1991 gute Arbeit geleistet und ein Päckchen zusammen gestellt, das man sich guten Gewissens zwischen die beiden regulären Studioalben ins Regal stellen kann, auch wenn Allessammler bemängeln mögen, dass es hier noch wesentlich mehr Material gäbe. Die liebevolle Aufmachung macht es aber zu einer runden Sache.

CD1:
1. You Made Me Realise (from You Made Me Realise EP) (3:47)
2. Slow (from You Made Me Realise EP) (3:12)
3. Thorn (from You Made Me Realise EP) (3:37)
4. Cigarette In Your Bed (from You Made Me Realise EP) (3:30)
5. Drive It All Over Me (from You Made Me Realise EP) (3:06)
6. Feed Me With Your Kiss (from Feed Me With Your Kiss EP) (3:57)
7. I Believe (from Feed Me With Your Kiss EP) (3:02)
8. Emptiness Inside (from Feed Me With Your Kiss EP) (2:50)
9. I Need No Trust (from Feed Me With Your Kiss EP) (3:37)
10. Soon (from Glider EP) (6:59)
11. Glider (from Gilder EP) (3:11)
12. Don't Ask Why (from Glider EP) (4:03)
13. Off Your Face (from Glider EP) (4:16)
CD2:
1. To Here Knows When (from Tremolo EP) (5:49)
2. Swallow (from Tremolo EP) (4:53)
3. Honey Power (from Tremolo EP) (4:33)
4. Moon Song (from Tremolo EP) (3:28)
5. Instrumental no. 2 (distributed on a free 7" with the first 5000 Isn't Anything LPs) (4:44)
6. Instrumental no.1 (distributed on a free 7" with the first 5000 Isn't Anything LPs) (3:22)
7. Glider (full length version) (B side on the Soon (The Andrew Weatherall Mix) 12") (10:15)
8. Sugar (promo only B-Side on Only Shallow LP, France only) (4:16)
9. Angel (previously unreleased) (4:42)
10. Good For You (previously unreleased) (2:31)
11. How Do You Do It (previously unreleased) (3:32)
Spielzeit: 101:12


Damit endet die Geschichte von My Bloody Valentine mal wieder. Dass die Band neben ihren seltenen Liveaktivitäten immer mal an neuem oder bisher unveröffentlichtem Material arbeiten soll, wird zwar immer gemunkelt, Konkretes gibt es allerdings nicht zu berichten. Aber wer weiß, vielleicht überrascht man uns eines Tages doch mit neuen Ergüssen. Für die Legendenbildung ist das hier vorliegende Material natürlich mehr als ausreichend.



Homepage:
http://www.mybloodyvalentine.co.uk
http://www.facebook.com/mybloodyvalentine


Mario Karl


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